Das Philharmonische Orchester Regensburg entwickelte sich aus Theatermusikern, die seit Gründung des Regensburger Theaters 1804 saisonweise engagiert wurden. 1852 organisierten sich die Musiker erstmals in einem Orchesterverein, der in den Opernaufführungen spielte. Seit 1904 spielte das Orchester regelmäßig eigene Sinfoniekonzerte. Derzeit gibt das Orchester pro Spielzeit 7 Platzmietenkonzerte sowie einige Sonderkonzerte.
Das Philharmonische Orchester der Stadt Regensburg kann im Jahre 2004 auf eine 200jährige Entwicklungsgeschichte zurückblicken. Als Theaterorchester des damals neu erbauten "Neuen Theater- und Gesellschaftshauses", des heutigen "Theaters am Bismarckplatz" nahm es am 9. September 1804 hier seinen Anfang.
Das erste Theaterorchester bestand größtenteils aus Bläsern von der kurerzkanzlerischen Gardemusik, aus einigen Streichern von der fürstlich thurn und taxis'schen Hofkapelle und aus Regensburger Stadtmusikern, die seit der Zeit der Reichstage in der Stadt einen recht großen Stand darstellten. Militär- und Stadtmusiker waren es auch, die das Theaterorchester in den folgenden Jahrzehnten bildeten. Die berühmte Hofkapelle der Fürsten von Thurn und Taxis wurde bereits im Jahre 1806, nach der Auflösung der Reichstage, "abgewickelt".
August Burgmüller hieß der erste Musikdirektor, dem man eine ausgezeichnete Leistung in der Erstellung und Leitung des ersten Theaterorchesters bescheinigte. Nach ihm kam 1807 Anton Rudolph, ein Violinist aus der ehemaligen fürstlichen Hofkapelle, der schon unter seinem Vorgänger Mitglied des Theaterorchesters gewesen war. Dieses Orchester war kein fester Klangkörper im heutigen Sinne, da die Musiker immer nur für eine Saison verpflichtet wurden, aber immerhin gab es innerhalb der Spielzeit eine gewisse Kontinuität. Stabilität und Planungssicherheit benötigten vor allem die Theaterdirektoren, die mit Zuschüssen vom Fürsten von Thurn und Taxis und von der Stadt das Theater auf privatwirtschaftlicher Basis zu führen hatten. Das Repertoire unterschied sich im Großen und Ganzen nicht von dem, was an den anderen deutschen Bühnen, egal welcher Größe und Bedeutung, gegeben wurde. Das Musiktheater, die Oper, war auch in Regensburg beim Publikum beliebt, aber eben auch sehr teuer. Die Finanznöte der Theaterdirektoren verursachten so ein permanentes Auf und Ab in der Entwicklung des Theaterorchester. Hatte der Klangkörper zu Beginn noch 27 Mitglieder, so waren es um 1820 nur noch 17 Musiker, die über die Saison ständig eingesetzt wurden. Bei größeren Opern wurden jedoch immer Musiker als Verstärkung ins Orchester geholt.
Nachdem Regensburg 1810 dem bayerischen Königreich zugesprochen worden war, konnte man nicht mehr auf die kurerzkanzlerische Militärkapelle zurückgreifen. Jetzt waren es Musiker der Landwehr und Stadtmusiker, die das Theaterorchester am Leben erhielten. Auf Grund der allgemein schlechten wirtschaftlichen Lage der Stadt musste nach der Eingliederung in das bayerischen Königreich ein bedrohlicher Niedergang des Musiktheaters in Regensburg beobachtet werden. Dennoch wurden dem städtischen Publikum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts alle wichtigen Opernwerke unter anderen von Mozart, Bellini, Cherubini, Beethoven und Weber bis hin zu Meyerbeer geboten. Mit dem Musikdirektor Wolfgang Schneider verbesserten sich um 1840 die Verhältnisse für das Theaterorchester, wobei die finanzielle Gesamtsituation für die Bühne immer angespannt blieb.
Nach dem Wiederaufbau des 1849 durch einen Brand zerstörten Opernhauses im Jahr 1852 begann sich das Theaterorchester als ein Verein zu etablieren. Der private Orchesterverein bestand ausschließlich zu dem Zweck, im Theater Opern zu spielen. Diese Organisationsform des Orchesters war auch an vielen anderen Bühnen Deutschlands zu finden, sofern sie keine Hofkapellen oder Stadtorchester in öffentlicher Trägerschaft zur Verfügung hatten. Die Statuten der Orchestervereine entsprachen sich also weitgehend, bis hin zur Einrichtung einer Witwen-, Waisen- und Krankenkasse. Um dem Regensburger Theaterdirektor für die Erstellung und Haltung des Orchesters mehr finanziellen Spielraum zu geben, beschloss die Stadt im Jahr 1859 eine Summe von 1500 Gulden jährlich zu der ohnehin laufenden Subvention zu zahlen. Um diese Summe gab es jedoch bald Streitigkeiten, weil Direktor Wihrler diese nicht ausschließlich für das Orchester verwendet haben soll. So wurde wenige Jahre später dieser Zuschuss wieder gestrichen.
Auf Geheiß des Magistrats wurde nicht nur ein kompletter neuer Satz an Holz- und Blechblasinstrumenten angeschafft, sondern auf die Anschaffung eines neuen Englischhorns und einer Bassklarinette ausdrücklich Wert gelegt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sich das Opernrepertoire mittlerweile um die Werke Richard Wagners auch in Regensburg erweitert hatte. Alles was an Neuheiten an den benachbarten Bühnen aufgeführt wurde, wurde auch in Regensburg dem Publikum angeboten. Und das galt nicht zuletzt auch für eine immer beliebter werdende Gattung des Musiktheaters, die Operette.
Ab dem Jahre 1904 begann das Theaterorchester (ca. 40 Mitglieder) mit seinem ersten Kapellmeister Philipp Hofmann seine eigene Konzerttätigkeit. Nicht zuletzt die Erweiterung ihres Aufgabenbereiches veranlasste die Orchestermusiker um 1909 einen "Existenzverbesserungskampf" zu führen. Eine schlechte soziale und wirtschaftliche Lage war bei den meisten Musikern in Orchestern von der Größenordnung wie Regensburg in dieser Zeit zu beobachten.
Der Erste Weltkrieg brachte den zu erwartenden schlimmen Einbruch. Aber schon gegen Ende des Krieges ging es wieder aufwärts und das Theaterorchester erlebte mit der Übernahme der Bühne in städtischer Regie 1919/20 mit dem Intendanten und Kapellmeister Richard L'Arronge einen ungeahnten Höhenflug. L'Arronge führte mit dem Theaterorchester in einer Saison sämtliche Symphonien von Ludwig van Beethoven auf. Der Höhenflug fand ein abruptes Ende, nachdem sich ein größeres Defizit beim Theater abgezeichnet hatte. Für die Stadt war dies damals derart ungewohnt, so dass sie schon ein Jahr später das Theater mit seinem Orchester wieder einem privat verantwortlichen Direktor verpachtete. Das Orchester wurde von 41 auf circa 28 Musiker verkleinert. Die allgemein katastrophalen wirtschaftlichen Zeitverhältnisse in den Jahren nach 1920 drohten dem kleinen Orchester den Rest zu geben. Trotzdem konnte es in begrenztem Umfang weitergehen. Konzerte, Gastspiele in der Region und vor allem die musikalische Begleitung der Operngastspiele verschiedener Reisebühnen im Regensburger Theater sicherten das Bestehen des Theaterorchesters. Als musikalische Eigenproduktionen bot das Theater mit einem gut eingespielte Operettenensemble eine sorgfältige Auswahl an Werken dieser Gattung.
Mangels Interesse seitens des Publikums mussten die Sinfoniekonzerte des Regensburger Orchesters gegen Ende der zwanziger Jahre eingestellt werden. Doch schon bald wurden sie Mitte der dreißiger Jahre von Kapellmeister und Operndirektor Rudolf Kloiber wieder eingerichtet. Nachdem die Stadt das Theater 1933 endgültig in eigener Regie übernommen hatte, konnte auch wieder eine eigene Oper ins Leben gerufen werden. Rudolf Kloiber wurde nicht müde auch das dafür dringend benötigte Theaterorchester auszubauen und dessen Stand zu festigen. Die Kulturpolitik der Nationalsozialisten übte zwar ihren unsäglichen Einfluss auf die Auswahl der Werke in Oper, Operette und Konzert aus, behinderte die Entwicklung des Orchesters aber nicht direkt. Dies geschah allerdings durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. In dessen Verlauf kam es immer wieder zu Personalengpässen, die sich für das ohnehin zu kleine Orchester immer drastischer auswirkten. Gegen Ende des Krieges wurde das Theater geschlossen und das Orchester hatte keinen Auftrag mehr.
Herbert Decker war der erste Intendant nach dem Krieg 1945. Sein Musiktheater enthielt alle großen Opernwerke bis hin zu Wagners "Ring des Nibelungen". Sinfoniekonzerte des Theaterorchesters fanden regelmäßig unter der Leitung der Kapellmeister Klener und Paulmüller statt. In der Zeit der Währungsreform drohte um 1950 aufgrund einer äußerst angespannten Haushaltslage der Stadt ein erneuter Einbruch für das nun circa 45 Mitglieder umfassende Orchester. Dieser Einbruch, der massive Stellenstreichungen bedeutet hätte, konnte durch einen Gehaltsverzicht der gesamten Kollegenschaft abgewendet werden. Solche Vorgänge waren zu dieser Zeit auch in anderen deutschen Orchestern dieser Größe zu beobachten.
Nach einer erfolgreichen Zeit mit Kapellmeister Alexander Paulmüller übernahm Ende der fünfziger Jahre Generalmusikdirektor Otto Winkler die Leitung des Stadttheaterorchesters. Er erhöhte die Zahl der Sinfoniekonzerte von vier auf sechs Abende. Auf die gesellschaftliche Besonderheit eines solchen Konzertabends legte er großen Wert. Der Hauptaufführungsort der städtischen Sinfoniekonzerte ist bis heute der historische Neuhaussaal, ein Redoutensaal im Theater der Stadt.
In der Mitte der sechziger Jahre geschah für die Attraktivität des Orchesters etwas sehr Tragisches. Der Deutsche Bühnenverein, dem Regensburg nun auch angehörte, hatte vor, für die Orchester ein neues Vergütungsschema nach Personalstärke (A -E) einzuführen. Die Anfang der fünfziger Jahre neu gegründete Orchestergewerkschaft Deutsche Orchestervernigung (DOV) war zwar strickt gegen diese Vergütung nach Planstellen, musste aber letztendlich doch zustimmen. Dies bedeutete für das Regensburger Orchester, dem zwei Stellen für eine höhere Eingruppierung (D) fehlten, dass es quasi über Nacht sich auf der untersten Stufe (E) des neuen Vergütungsschemas befand. Dies bedeutete einen erheblichen Verlust an Attraktivität für junge Nachwuchsmusiker und einen Imageverlust beim Publikum. Um aus diesem Tal halbwegs herauszukommen, bedurfte es einer Initiative, die der Solobratscher und DOV-Delegierte Kurt Jenisch mit den Orchestern von Coburg und Würzburg ins Leben rief. Die Arbeit Jenischs mit dieser Interessengemeinschaft hatte schließlich zur Folge, dass das Städtische Orchester im Jahre 1977 in die Vergütungsgruppe D eingestuft wurde und die Gruppe E vom Deutschen Bühnenverein ganz abgeschafft werden konnte.
Nach drei Jahren mit Thomas Ungar (GMD von 1966-1969) bemühte sich der von 1969 bis 1977 amtierende Generalmusikdirektor Cornelius Eberhardt intensiv den kulturellen Wert des Theaterorchesters für eine Stadt wie Regensburg in der Öffentlichkeit zu verdeutlichen. Auch sein Nachfolger Tilo Fuchs machte gleich zu Beginn seiner Amtszeit auf das interessante und wichtige Zusammenwirken von Orchester und Publikum aufmerksam, auch im Hinblick auf die Aufführungen unbekannterer und auch zeitgenössischer Kompositionen. Darüber hinaus gelang es Generalmusikdirektor Fuchs 1979, eine weitere Höherstufung nach Gruppe C zu erwirken. Die Stadt Regensburg stimmte einer Erhöhung der Planstellenzahl von 48 auf 56, mittels eines Stufenplans, für ihr Orchester zu. Die von Cornelius Eberhardt eingeführten Sonderkonzerte des Städtischen Orchesters fanden bei Fuchs mit der gleichen Beachtung ihre Fortsetzung. Während Eberhardts Aufführungen großer Symphonien von Anton Bruckner in der Regensburger Minoritenkirche unvergessen sind, so erinnert man sich genauso gerne an Aufführungen der zweiten und dritten Symphonie von Gustav Mahler, an einen Wagnerabend und anderen Konzerten mit Tilo Fuchs am selben Ort. Von ganz außergewöhnlichem Reiz waren Sonderaufführungen Orffscher Werke im Hof des Thon Dittmer Palais. Die Aufführung moderner Werke in Musiktheater und Konzert wurde von beiden Dirigenten mit unterschiedlichen Schwerpunkten gepflegt. Herausragende Regensburger Erstaufführungen von Opern waren unter Fuchs beispielsweise "Lady Macbeth von Mzensk" (Schostakowitsch), "Elektra" (Strauss), "Wozzeck" (Berg), "Boris Godunow" (Mussorgskij), "Die Sache Makropulos" (Janácek).
Seit 1981 nennt sich das Regensburger Theaterorchester "Philharmonisches Orchester Regensburg". Als 1993 der Engländer Hilary Griffiths die Nachfolge von Tilo Fuchs antrat, hatten sich im Laufe der Zeit zwei Konzertreihen im Audimax der Universität, dem derzeit besten Konzertsaal Regensburgs etabliert. Durch die Auftritte großer, international bekannter Konzertorchester war dem Philharmonischen Orchester eine schwierige Konkurrenzsituation entstanden. Hilary Griffiths bemühte sich aus diesem Grund mehrfach Konzerte im Audimax zu geben. Darunter war als Sonderkonzert die großartige "Turangalila-Sinfonie" von Olivier Messiaen und eine konzertante Aufführung von "Tristan und Isolde". Leider fanden die Konzerte des Philharmonischen Orchesters im Audimax nicht mehr den gewünschten Publikumszulauf, wie dies zur Zeit von Cornelius Eberhardt und Tilo Fuchs noch der Fall gewesen war. Man hat sich in den Jahren zuvor möglicherweise zu sehr auf den Neuhaussaal beschränkt. Hilary Griffiths dirigierte im Bereich des Musiktheaters die europäische Erstaufführung Oper "Simon Bolivar"; von Thea Musgrave. Sehr erfolgreich war die Regensburger Erstaufführung von "Peter Grimes" von Benjamin Britten.
Nach einer Interimsspielzeit, die der erste Kapellmeister Rudolf Piehlmayer erfolgreich leitete, kam im Herbst 1998 Guido Johannes Rumstadt als neuer musikalischer Oberleiter an die Regensburger Bühne. Die Hauptwirkungsstätte des Theaters war nun das sogenannte "Velodrom". Für das Philharmonische Orchester ergab sich dadurch auch ein neuer Veranstaltungsort für seine Sinfoniekonzerte. Der städtische Klangkörper war mittlerweile zu einem B-Orchester geworden, wobei vorläufig auf die Besetzung der erforderlichen Planstellen verzichtet wurde. Trotzdem dürfte dieses Orchester an Attraktivität gewonnen haben. Die Aufführung der IX. Symphonie von L. v. Beethoven zu Beginn des Jahres 2000 machte einmal mehr deutlich, warum es Orchester gibt. Sie setzen die Visionen der großen und auch weniger großen Tonsetzer in Klang um und ermöglichen der Zuhörerschaft das Eintauchen in verschiedenste Gefühlswelten dort, wo das Wort keine Ausdrucksmöglichkeit mehr hat.
Matthias Nagel
aus:
Matthias Nagel - Thema und Variationen
Das Philharmonische Orchester Regensburg und seine Geschichte
Verlag Friedrich Pustet 2001
312 Seiten, 69 Abb., Hardcover
ISBN 3-7917-1773-1





