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Ich nehme mir vor etwas zu ändern
Ich vergesse, dass ich mir vorgenommen habe, etwas zu ändern
Ich gehe vorwärts ohne weiterzukommen
So geht das
Tagein tagaus


ZUM Stück

Sie hat eine durchschnittliche Frisur, ein durchschnittliches Gewicht, Laminat im Wohnzimmer verlegt, statistisch errechnet 1,37 Kinder und ist auf der Suche nach einer guten Perspektive – die sogenannte Mitte der Gesellschaft. Doch wer ist das eigentlich? Wer gehört dazu und wer wird vergessen? Dass die Mittelschicht in Deutschland immer kleiner und zunehmend von Armut bedroht wird, ist in aller Munde.
Marc Becker spielt mit den Themen der Zeit: Einer kollabierenden Wirtschaft, dem Klimawandel, und auch dem Druck, immer besser funktionieren zu müssen - und dabei gerne auch noch ein bisschen schöner auszusehen. Doch „Aus der Mitte der Gesellschaft“ ist nicht nur ein Stück über Krisen. Denn der Durchschnittsmensch aus der Mitte der Gesellschaft hat auch Träume: Er möchte die Welt entdecken, einen guten Job bekommen, einen Ausflug ins Grüne machen. All diese Wünsche, Sorgen, Hoffnungen und Ängste verwachsen zu einem humorvollen und musikalischen Panorama. Der Chor der Durchschnittsmenschen trifft sich zum Stammtisch, spaziert durch die Vorstadt, kämpft gegen die morgendliche Lethargie und hofft, dass es ihnen wenigstens ein bisschen besser geht, als den anderen. Die Gedanken des Supermarktverkäufers treffen auf einen brüllenden Fußballfan, die Nachbarin von nebenan klopft an die Tür - und immer wieder stößt man vielleicht auch auf den einen oder anderen Gedanken, der einem selbst schon einmal gekommen ist.

Schon der Titel ist als Wortspiel angelegt und bietet die Möglichkeit für unterschiedliche Interpretationen: Wir hören Schlaglichter aus der Mitte der Gesellschaft. Doch es geht auch um die Sorge, aus der Mitte der Gesellschaft herauszufallen.

Sowohl das Genre des Sprachkonzertes, als auch das rhythmische Spiel mit Wörtern, erinnern an die Lautgedichte der Dada-Zeit. Von den Gewalttaten des ersten Weltkriegs schockiert, betrachteten sie die Sprache als unfähig, um wirkliche Veränderungen herbeiführen zu können. Und so spielten die Dada-KünstlerInnen mit der Alchemie des Wortes – dem reinen Klang aneinandergereihter Buchstaben.
Auch in „Aus der Mitte der Gesellschaft“ wird aus den lautmalerischen Elementen von Sprache bisweilen ein Klangkonzert. Anders als die VertreterInnen der Dada-Bewegung, treibt der Autor Marc Becker dabei jedoch nicht die Sinnentleerung der Sprache voran. Durch das geschickte Arrangement gesellschaftlicher Floskeln, entsteht ein Mantra der Mitte. Und im Zentrum des Abends? Der Chor der Durchschnittsmenschen und ihre lautesten Parolen und heimlichsten Gedanken.

Marc Becker hat mit „Aus der Mitte der Gesellschaft“ kein klassisches Theaterstück geschrieben, sondern all diese Stimmen zu einem Sprachkonzert verwoben. Der Text ist nicht in Szenen aufgeteilt, sondern in Sprechstücke und Zwischenspiele. Wörter werden zu Rhythmen und Laute erzählen Geschichten. Und so begegnen wir nicht einzelnen Figuren, sondern einem als Partitur angeordneten Gedankenfluss verschiedener Menschen, aus dem sich die Stimmen Einzelner hervorschälen, um dann wieder im Chor der „Durchschnittsmenschen“ eingereiht zu werden.



Die haben bestimmt noch ein bisschen Perspektive im Keller versteckt
So wie die aussehen
Klare Sache
Kann mir doch keiner was erzählen hier
Die wollen da bloß nix von abgeben


Auf der Suche nach dem Mantra der Mitte

Dramaturgin Laura Mangels im Gespräch mit dem Autor Marc Becker

Wie kamst du dazu, ein Stück über die „Mitte der Gesellschaft“ zu schreiben?

Als ich 2008 mit dem Schreiben an dem Stück angefangen habe, gab es gerade eine Vielzahl soziologischer Abhandlungen über die Mitte der Gesellschaft. Die großen Volksparteien bekamen bei den Wahlen immer weniger Stimmen. Die These, dass die gesellschaftliche Mitte zerbröselt und die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, war schon damals Fakt. Da habe ich mich gefragt, wer denn die Mitte, das Fundament unserer Gesellschaft, überhaupt ist? Was kauft die Mitte? Wie wohnt diese Mitte der Gesellschaft? Wie häufig haben sie Sex? Wovor haben die meisten Menschen Angst? Wie wollen Sie leben? Über die Beschäftigung mit dem Durchschnitt, habe ich also zunächst versucht, mir ein Bild von dieser sogenannten „Mitte“ zu machen.

Wie bist du mit dem Schreiben vorgegangen? Manche Abschnitte wirken wie Zitate, die dir im Alltag begegnet sind. Stimmt das?

Ich habe zunächst einzelne Themenbereiche definiert, die im Text vorkommen sollen und diesen dann unterschiedlichsten Gedanken, Aphorismen und Textfetzen zugeordnet. Im zweiten Schritt habe ich dann nach der bestmöglichen Form gesucht, um diese Gedanken zu strukturieren und habe mich für die Form des Sprachkonzertes entschieden. Einzelne Sprechstücke, die sich liedartig mit bestimmten gesellschaftlichen Inhalten beschäftigen.
In die Arbeit sind durchaus ein paar Zitate eingeflossen, die ich aber im Nachhinein nicht mehr genau zuordnen kann; unter anderem Aufgeschnapptes von der Straße, auf Zugfahrten, aus dem Fußballstadion, aus Gesprächen im Bekanntenkreis.

Was hat dich daran gereizt, ein Sprachkonzert zu schreiben?

Ich hatte und habe schon immer einen starken Bezug zur Musik und Musikalität auf der Bühne. In diesem Fall hat es mich gereizt, einen Text zu entwickeln, der mit der Sprache spielt, Worte und „Klänge“ zu erfinden, um eine Grundstimmung zu kreieren, mit Wiederholungen, Themenvariationen und Refrains zu arbeiten. Das Experiment bestand für mich darin, herauszufinden, ob man auch auf diese Weise gesellschaftliche Themen auf der Bühne verhandeln kann – ohne Figurenpsychologie – und trotzdem das Publikum überraschen, gut unterhalten und inspirieren kann.
Die Spielerinnen und Spieler sollen den Text als Partitur nutzen und für jede einzelne Replik nach der bestmöglichen Ausdrucksform suchen.
Ich wollte, dass das Publikum mit dem Text auf sich selbst zurückgeworfen wird und in diesem Fall nicht der Geschichte einzelner Charaktere folgt. Im besten Fall fühlt man sich unmittelbar gemeint und kann, bei vielem, was einen selbst so umtreibt feststellen, dass man nicht allein ist. Letztlich haben wir doch alle die gleichen Probleme.

Es ist jetzt 10 Jahre her, dass du „Aus der Mitte der Gesellschaft“ geschrieben hast. Denkst du manchmal an diesen Text zurück und wunderst dich, wie wenig sich in einer Dekade verändert hat?

Naja, es hat sich in den letzten Jahren schon einiges verändert. Aber es stimmt, das Problem der gesellschaftlichen Mitte, die gestärkt werden muss, bleibt. Eine zu starke gesellschaftliche Polarisierung kann ein politisches System ins Wanken bringen, deshalb darf die Sehnsucht nach Gemeinschaft und relativer Gleichheit niemals aufgegeben werden.
Krise ist anscheinend immer. Die eine Krise geht, die nächste kommt und einige begleiten uns schon sehr lange, ohne dass Lösungen dafür gefunden wurden. Eurokrise, Terrorismus, Flüchtlingskrise, Klimawandel, Folgen der Digitalisierung und jetzt die Pandemie. Auf eine gewisse Art und Weise leben wir ja eh nur von Krise zu Krise. Wenn man es runter brechen möchte, ist, je nach Blickwinkel, das ganze Leben eine einzige Problembewältigung. Man wird morgens wach, hat Hunger, also muss man was essen. Man will sich nicht langweilen, also muss man versuchen, die Lebenszeit möglichst sinnvoll zu nutzen. Die Problembewältigung zwingt einen quasi aus dem Bett. Ähnlich ist es mit dem Theater: Wenn es keine Probleme zu verhandeln gibt, braucht man auch keine Bühne.
Manchmal frage ich mich, ob wir auch als Gesellschaft Krisen brauchen, um uns dann (am besten gemeinsam) an ihnen abzuarbeiten. Denn meistens wird die Idee einer solidarischen Gesellschaft erst dann wirklich in die Tat umgesetzt, wenn man ein gemeinsames Problem zu bewältigen hat und dafür an einem Strang zieht.

Schon in deinem Stück „Jenseits von St. Emmeram“ kam der folgende Einkaufszettel vor: „Joghurt, Saft, Tomaten (aber nicht aus Holland), Wein, Bier und eine gute Perspektive“. Was hast du gegen Tomaten aus Holland?

Sie sind eben einfach wässrig und haben wenig Geschmack. Ich empfehle Tomaten aus Frankreich, das sind die besten!



Neulich wollte ich mit dem Auto ins Grüne
Aber eigentlich wollte ich nur ins Grüne
Aber nicht mit Auto


Wo ist sie denn nun, die gute Perspektive?

Beitrag von Laura Mangels

„Hilfe, ich stagniere!“

Warum kommen wir nicht voran? Die Gefühlslandschaften der Mitte der Gesellschaft sind in Marc Beckers Text häufig von einem Gefühl der Ohnmacht und Lethargie geprägt. Immer wieder begeben sich die SpielerInnen auf die Suche nach einer guten Perspektive. Sie wollen eine Veränderung herbeiführen, sie wollen ihr Leben in die Hand nehmen und die Zukunft gestalten. Und immer wieder scheitern sie an der Frage nach dem „Wie“. Da scheint der einfache Weg, auf einen Erlöser zu warten, plötzlich am offensichtlichsten. Jemandem die Verantwortung abgeben, einfach folgen. Doch das kann doch nicht alles gewesen sein, oder?

„Im Kino läuft ein neuer Film. Die Rückkehr des Rückkehrers Teil 58, äh 57. Es passiert genau das gleiche, wie in Teil 12, Teil 17 und Teil 27. Macht nichts. Man kann sich besser auf das Popcorn konzentrieren.“

Das Gefühl, dass sich alles wiederholt und die konstruktive Vorstellung einer Zukunft fehlt, lässt sich durch viele Faktoren erklären. Politikwissenschaftlerinnen beschreiben die (sicherlich auch sinnvolle) Langsamkeit der parlamentarischen Demokratie, Ökonomen prognostizieren eine baldige Wirtschaftskrise, Klimaforscherinnen errechnen den kritischen Grad der Erderwärmung, Soziologen konstatieren neben den Vorteilen der globalisierten und digital vernetzten Gesellschaft eine zunehmende Überforderung ob der Komplexität unserer heutigen Welt. Und auch in den Kulturwissenschaften sind diese Fragen zentral: Wo sind positive Utopien? Warum gibt es keine progressiven Zukunftsvorstellungen mehr?

Und wie steht es um das, was die Mitte der Gesellschaft umgibt? Schließlich gibt Pop als Massenkultur global den Ton an. Mark Fisher, britischer Schriftsteller und Musikkritiker, beschreibt die Popmusikkultur der letzten zwanzig Jahre als eine Zeit des Stillstands und der Unbeweglichkeit. Während die Umbrüche in der populären Musikkultur der Sechziger, Siebziger und Achtziger ein Gradmesser für einen kulturellen Wandel gewesen seien, sei dieser „Zukunftsschock“ im 21. Jahrhundert verschwunden. Als Gedankenexperiment schlägt er eine musikalische Zeitreise vor: Würde ein Lied, welches momentan im Radio läuft, beispielsweise in das Jahr 1995 zurückgebeamt werden, würde sich die Überraschung wohl in Grenzen halten. Viel eher wären die Hörerinnen und Hörer im Jahr 1995 darüber erstaunt, dass der Sound des Liedes so vertraut wäre und sich in den kommenden 25 Jahren popmusikalisch so wenig verändern würde.

Dieses Beispiel kann auf jeden anderen Bereich der Popkultur übertragen werden. Hollywood produziert mittlerweile Remakes vorheriger Remakes, in der Mode wechseln sich die 70er, 80er und 90er Jahre ab. Auch technische Neuerungen werden vor allem dafür benutzt, um den Retroeffekt zu perfektionieren. Das vertraute Schallplattenknistern souliger Neuerscheinungen wird digital nacherzeugt. Nun kann man die Rolle der Popkultur in unserer heutigen Zeit generell in Frage stellen und erwidern: Ist es nicht eigentlich die Monetarisierung jedes Aspekt unseres Lebens, die das Problem darstellt? Sicherlich – und trotzdem lässt sich anhand der ausbleibenden Neuerungen in der Popmusik, im Film und in weiteren Bereichen der Kultur, die Frage ableiten: Haben wir einfach keine Zukunftsvorstellungen mehr? Hat der technische Fortschritt unser Vermögen, Utopien zu formulieren, überholt?

Auch in der zeitgenössischen Philosophie wird ein Rückgang von Zukunftsvorstellungen beschrieben: Marcus Quent verzeichnet als vordringlichstes Problem der Gegenwart, dass im Zusammenspiel aus einem allmählichen Verlust der Imaginationskraft und den parallel verlaufenden Prozessen einer zunehmenden Automatisierung, ein Leerlauf der Zeit und eine Bedeutungsverschiebung des Begriffs der Zukunft vonstattengehe. Während die „Zukunft“ im 19. und 20. Jahrhunderts ein entscheidender Antriebsmotor gewesen sei, habe die historische Erfahrung von Katastrophen und die Desillusion über politische Entwürfe dazu geführt, dass die „Zukunft“ seit der Postmoderne häufig mit negativen Assoziationen und drohenden Katastrophen belegt sei. Doch ist es wirklich so, dass Zukunftsvorstellungen und Utopien in unserer Zeit nicht mehr existieren? Oder liegt es vielleicht daran, dass diese noch nicht ihren Weg in das globale Massenphänomen der Popkultur gefunden haben und dadurch die immer gleichen Erzählungen dominieren?

„Es klingelt an der Tür. Oder im Kopf!“

Anders als die Spielerin in „Aus der Mitte der Gesellschaft“ dazu aufruft, diese Tür nicht zu öffnen, möchte ich zum Gegenteil plädieren: Wir sollten und müssen diese Tür öffnen und am besten sogar anbauen, um die Tür an sich zu erweitern. Oder direkt gläserne Häuser mit einladenden Eingängen bauen. Denn es gibt sie, die Zukunftserzählungen des 21. Jahrhunderts! Und häufig stammen sie von jenen Denkerinnen, Künstlern und Zukunftspionierinnen, die in einer globalen Massenkultur noch wenig Sichtbarkeit erfahren haben. Indem der sogenannte Westen seine Kulturgüter in die ganze Welt exportiert und die großen Kulturindustrien, wie Hollywood, die globale Kultur prägen, werden andere Sichtweisen und Perspektiven häufig überlagert. Denn das Formulieren von Utopien hörte nicht mit Ernst Bloch oder Max Horkheimer und Theodor Adorno auf. So erlebt beispielsweise der Afrofuturismus gegenwärtig eine Renaissance. Als 1972 der Science-Fiction-Film „Space is the Place“ erschien, war die Erde für Schwarze AmerikanerInnen ein feindseliger Ort, weswegen im Weltall eine bessere Zukunft winkte. Diese Zukunftsvorstellungen, die die Visionen Schwarzer Menschen in ihr Zentrum stellt, werden aktuell wiederentdeckt und vermögen es, einer weißen Mehrheitsgesellschaft wichtige Fragen zu stellen. Auch die in Südamerika verbreitete Strömung des Tropicalismo, die bereits 1928 im „Antropophagischen Manifest“ des brasilianischen Modernisten Oswald de Andrade ihren Anfang genommen hat, bietet Utopien für unsere heutige Zeit. Denn so zeigt sich beispielsweise in der Musik des Neo-Tropicalismo wie in einer digitalen Welt mit unterschiedlichen Stilen gespielt werden kann und durch das geschickte Verdrehen schon im Kolonialismus geformter Machstrukturen, neue Lesarten formuliert werden können. Und auch in Deutschland sind sie wahrnehmbar – Utopien, die von jenen formuliert werden, die im Verlauf der letzten Jahrhunderte zu häufig übersehen wurden. Feministische Utopien wie jene von Laurie Penny, Ideen, die von nicht-weißen DenkerInnen wie Peggy Piesche formuliert werden und Hoffnung darauf machen, dass wir uns doch mehr vorstellen können, als jenes, das uns schon umgibt. Filme, wie „Futur Drei“ von Faraz Shariat, dessen Erzählung so bisher im deutschen Kino nicht vorkam, und nicht nur durch den Titel einen Denkanstoß für unsere Zukunft verspricht.

Wir sollten erst dann ein Fehlen von Zukunftsentwürfen anprangern, wenn wir jenen, die sie gegenwärtig formulieren, überhaupt zugehört haben. Denn das Zuhören verspricht vor allem eines: Neue Perspektiven. Und damit auch das Gefühl, das vielleicht doch etwas voran geht.



Eine Krise ist nur dann eine Krise
Wenn man sie Krise nennt
Jede Krise, die man nicht Krise nennt, ist eine CHANCE

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