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Bunbury – Ernst sein ist alles!

Digitales Programmheft

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„Wenn man in der Stadt ist, amüsiert man sich. Auf dem Land amüsiert man die anderen. Es ist sehr langweilig, aber es kostet wenigstens nichts.“
Jack


Inhaltsverzeichnis:

Zum Stück
Zwei Legenden treffen aufeinander – Oscar Wilde und Freddie Mercury im Ostpark
Polierte Dialoge, Gurkensandwiches und ein Stück, das heutiger nicht sein könnte – Regisseur Klaus Kusenberg im Interview

Probenfotos: Martin Sigmund



„Mein Ideal war es immer jemanden zu lieben, der Ernst heißt. Dieser Name löst absolutes Zutrauen in mir aus. Algernon musste Ihren Namen nur erwähnen und ich wusste, dass ich dazu bestimmt sein würde, Sie zu lieben.“
Gwendolen


ZUM Stück

Jack und Algernon sind Dandys par excellence: Stets bestens gekleidet genießen sie in vollen Zügen ihr Leben in der High Society in London. Sie verbindet eine Freundschaft, die so ehrlich ist, wie es in dieser oberflächlichen Gesellschaft eben möglich ist.
Bei einem von Jacks wochenendlichen Besuchen bei Algernon stellt sich allerdings heraus, dass letzterer von seinem Freund getäuscht wurde! Denn dieser kennt ihn unter dem Namen Ernst – so hat er sich damals vorgestellt, so wird er von allen in London genannt, auf diesen Namen reagiert er – und nun soll er plötzlich Jack heißen?! Jack erklärt, dass er sich in London als sein frei erfundener jüngerer und ausschweifender Bruder Ernst ausgibt, um seinen Verpflichtungen auf dem Land hin und wieder entfliehen und sorglose Stunden in der Stadt verbringen zu können. Statt schockiert zu sein, ist Algernon amüsiert – hat er doch unverhofft einen Seelenverwandten gefunden. Denn Algernon selbst hat einen chronisch kranken, älteren Herrn namens Bunbury erfunden, um sich aus lästigen Verbindlichkeiten – wie zum Beispiel einem Dinner bei seiner drachenhaften Tante Augusta – herauszuwinden. „Bunburysieren“ nennt er das und ist sichtlich stolz auf diese Strategie.

Die Vorzüge des Doppellebens könnten so schön sein, käme da nicht die Liebe ins Spiel. Denn Jack hat sich als Alter Ego Ernst in Algernons Cousine Gwendolen verliebt – und diese schwärmt mindestens so sehr für den Namen Ernst wie für den jungen Mann, der angeblich damit getauft wurde. Die Situation wird nicht weniger vertrackt, als sich Algernon auf dem Land ausgerechnet in Jacks Patenkind Cecily verguckt und sich prompt als „Onkel Ernst“ verkauft. Als beide junge Frauen aufeinander stoßen und darauf beharren, mit „Ernst“ verlobt zu sein, gerät das Lügenkonstrukt ins Wanken.

Die herrlich oberflächliche Komödie über die herrlich oberflächlichen Menschen war Oscar Wildes größter Erfolg und wird bis heute regelmäßig auf den Bühnen weltweit zum Besten gegeben. Mit größtem Ernst zelebriert Wilde die spiegelglatte Oberfläche dieser Gesellschaft, in der Schein wichtiger als Sein und gekünstelte Etikette das oberste Ziel ist. Die Mode schreibt vor, wie hoch das Kinn gehalten wird und wie viel Zucker in den Tee muss. Und bei der Wahl des Ehemannes kann schon mal der Name wichtiger als der eigentliche Mann sein. Mit unbestechlichem Stil und rhetorischer Finesse ausgestattet, zeichnen sich die vier jungen Menschen darin aus, eine perfekte artifizielle Fassade zu errichten, in der die traditionellen Geschlechterrollen nicht nur ausgelotet und erweitert, sondern schlicht unwichtig werden. (Sexuelle/geschlechtliche) Identität ist hier ebenso konstruiert, wie alles andere auch. Es gilt, was man oder frau selbst vorgibt.

Sebastian Schugs neue und moderne Übersetzung dieses Klassikers erhält Wildes Dramaturgie und Doppeldeutigkeit, schafft aber eine spannende sprachliche Zuspitzung.
Schauspieldirektor Klaus Kusenberg inszeniert diese Komödie für laue Sommernächte in einem poppigen Bühnenbild (Michael Lindner) und mit extravaganten Kostümen (Bettina Marx) auf der Freilichtbühne im Ostpark. Ein besonderes Highlight sind die musikalischen Einlagen: Mit Bettina Ostermeier („Ewig Jung“, „Am Königsweg“) als musikalische Leitung begleitet eine Rockband den Abend mit Hits der Erfolgsband Queen – denn unter der ernsten Oberfläche brodeln die Gefühle!



„Na ja, seit Onkel Jack mir gestanden hat, dass er einen jüngeren Bruder hat, der sehr durchtrieben und bösartig ist, warst du natürlich der Hauptgegenstand all meiner Selbstgespräche. Und ein Mann, über den viel geredet wird, übt eine unglaubliche Anziehungskraft aus.“
Cecily


Zwei Legenden treffen aufeinander – Oscar Wilde und Freddie Mercury im Ostpark

Oscar Wilde – ein Name, den wir heute mit Dandytum, Extravaganz und geistreichen Komödien verbinden. Aber auch mit Homo- bzw. Bisexualität in einer Zeit, als Sexualpraktiken unter Männern noch als Straftat galt.
Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde wurde 1854 in Dublin geboren. Durch seine Eltern – die Mutter arbeitete als Übersetzerin und galt als revolutionäre Lyrikerin, der Vater veröffentliche nebenher Bücher – kam er schon früh mit Literatur in Kontakt. Folgerichtig studierte er dann klassische Literatur in Dublin und Oxford und erhielt schon in dieser Zeit erste literarische Anerkennungen in Form von Preisen und Nennungen. Nach seinem Studienabschluss zog Wilde nach London – wo er als Skandalautor und auffällig gekleideter Dandy Erfolg auf Erfolg einheimste. 1884 heiratet er Constance Lloyd und bekam mit ihr zwei Kinder.
1895 sollte ausgerechnet die Premiere seines größten Erfolges zum Wendepunkt für ihn werden:
Um Wilde rankten sich schon lange Gerüchte ob seiner sexuellen Orientierung. 1891 hatte er den viel jüngeren Lord Alfred ‚Bosie‘ Douglas kennen und lieben gelernt – für die damalige Zeit ging der Schriftsteller relativ offen mit der Beziehung um. Bei der Uraufführung von „The Importance of Being Earnest“, welches die prüde, oberflächliche High Society des Viktorianischen Englands satirisch porträtiert, versuchte nun der Vater des Liebhabers, der Marquess of Queensberry, die Vorstellung zu unterbrechen und Oscar Wilde öffentlich als „Sodomiten“ zu brandmarken. Der Schriftsteller erhob eine Verleumdungsklage – und wurde vom Kläger zum Angeklagten. Nicht die Beziehung zu Bosie war es, die ihm schließlich in den öffentlich geführten Prozessen das Genick brach, sondern sein Umgang mit männlichen Prostituierten, von denen einige als Zeugen gehört worden waren.
Es folgten zwei Jahre Zuchthaus und Zwangsarbeit, die den einst strahlenden Dandy gebrochen, verarmt und vereinsamt zurückließen. Nach seiner Entlassung zog er nach Paris, wo er unter dem Pseudonym Sebastian Melmoth in finanzieller Not und gesellschaftlicher Isolation seine letzten Lebensjahre verbrachte. 1900 – sechs Wochen nach seinem 46. Geburtstag – verstarb Oscar Wilde.

46 Jahre später wurde im damaligen britischen Protektorat Sansibar Farrokh Bulsara geboren, den die Welt später als Freddie Mercury kennen lernen sollte. Als Sänger der weltweit erfolgreichen Band „Queen“ steht er noch heute für eine beeindruckende Stimme, geniale Musik und einen ausgefallenen Kleidungsstil. Schon im Kindesalter, als er ein englisches Jungen-Internat in Bombay besuchte, entdeckte der junge Farrokh nicht nur sein musikalisches Talent, sondern erhielt zudem dem Spitznamen Freddie. 1964 kam es in Sansibar zur gewaltsamen Revolution und die Familie Bulsara flüchtete gemeinsam nach London. Dort machte Freddie seinen Schulabschluss und studierte anschließend Kunst am Ealing College of Arts, wo er seine Affinität zu auffälliger Mode auszuleben begann.
Gegen Ende seines Studiums lernte er die Miglieder der Band „Smile“ kennen: Tim Staffell (Gesang und Bass), Brian May (Gitarre) und Roger Taylor (Schlagzeug). Nachdem er sie eine Weile als Roadie begleitete und ihnen vermehrt zur Gestaltung von Erscheinungsbild und Bühnenauftritt Rat gab, übernahm er die Rolle des Lead-Singers als Tim Staffell die Band verließ. Von nun an nannten sie sich royal-selbstbewusst und doppeldeutig-queer „Queen“. Der Bassist John Deacon kam 1971 hinzu und nicht lange danach änderte Freddie offiziell seinen Nachnamen in Mercury.
Auch Freddie pflegte lange eine Beziehung zu einer Frau: In den frühen 70er Jahren lebte Freddie in London mit seiner Lebenspartnerin Mary Austin zusammen. Sie war auch an seiner Seite, als Queen ihren internationalen Durchbruch schafften. Die 1975 veröffentliche Single „Bohemian Rhapsody“ wurde der erste Nummer-eins-Hit von Queen und belegte neun Wochen lang den ersten Platz der britischen Charts. Die Platte verkaufte sich weltweit über fünf Millionen Mal. Der poetische Text – von vielen als sinnloser Unfug abgetan – lässt viel Raum für Interpretation. Eine These, von Mercurys langjährigem persönlichen Assistenten Peter Freestone vertreten, besagt, dass er so sein Coming-out als schwuler Mann verarbeitet hat. Um die Jahreswende 1975/76 trennte sich Mercury mit einem privaten Outing von Mary Austin. Die Freundschaft zu ihr hielt jedoch sein Leben lang.
Von nun lebte Freddie öffentlich in Beziehungen zu Männern – erst in München mit Winfried „Winnie“ Kirchberger und später bis zum Ende seines Lebens mit Jim Hutton, den er auch oft als seinen Ehemann bezeichnete.
1991 starb Freddie Mercury mit 45 Jahren an einer Lungenentzündung, nur einen Tag, nachdem er die Öffentlichkeit über seine Aids-Erkrankung informiert hatte.

Ungefähr ein halbes Jahrhundert trennt die Leben dieser beiden Künstler. Obwohl Homosexualität erst in den frühen 80er Jahren in Großbritannien vollends entkriminalisiert wurde, führte Mercury – bei all den Gemeinsamkeiten – schon ein bemerkenswert anderes Leben als Wilde.

In Klaus Kusenbergs Inszenierung von „Bunbury – Ernst sein ist alles!“ treffen die beiden Legenden im Ostpark aufeinander. In Wildes auf Hochglanz polierter Gesellschaftssatire dehnen zwei Dandies modisch, stylisch und artifiziell die Grenzbereiche der Geschlechterrollen aus und machen ihren Angebeteten in aller Förmlichkeit und mit allen Konventionen den Hof, wobei Etikette immer Emotionen trumpft. Gemeinsam mit Bettina Ostermeier (musikalische Leitung) und einer Rockband aus Regensburger Musikern darf die Oberfläche der Figuren immer wieder aufbrechen und die wahren Gefühle und Zustände offenbaren sich in Queen-Liedern.



„Algernon ist ein besonders, ja gradezu auffällig geeigneter junger Mann. Er hat nichts, sieht aber nach allem aus. Was will man mehr?“
Lady Bracknell


Polierte Dialoge, Gurkensandwiches und ein Stück, das heutiger nicht sein könnte

Regisseur Klaus Kusenberg (KK) im Kurzinterview mit Dramaturgin Saskia Zinsser-Krys (SZK)

Ursprünglich stand „Bunbury“ gar nicht auf dem Spielplan, sondern „Shakespeare in Love“ – doch Corona machte letzteres mit den vielen Kampf- und Liebesszenen unmöglich. Wieso ausgerechnet diese Komödie von Oscar Wilde als neues Stück? War das ein lang gehegter Traum von Dir?

KK: Nicht schon immer, aber seit einiger Zeit. Eigentlich hatte ich das Stück abgespeichert als verstaubte, etwas skurrile britische Salonkomödie mit alten Damen in langen Röcken, Afternoon-Tea mit Gurkensandwiches und so weiter. Da habe ich nie so richtig verstanden, was daran interessant und dann auch noch lustig sein soll. Das sind aber sehr lang zurückliegende Erinnerungen, wie sich herausstellen sollte. Jetzt finde ich es nämlich sehr modern! Durch verschiedene Neubearbeitungen konnte ich erkennen, dass dieses ja über 120 Jahre alte Stück plötzlich etwas über unsere Zeit erzählt. Und zwar über die heutige Zeit, darüber, wie junge Leute gerade ticken, in den Sozialen Medien – ein Leben wie eine Reihe aus Selfies. Es erzählt aber auch, wie die Diskussion über Geschlechterrollen in Bewegung gekommen ist – Wildes Stück ist sexuell vieldeutig und in den Genderrollen nicht festgeschrieben.

Das stimmt – auch wenn „Bunbury“ in der Vergangenheit oft cis-hetero-normativ interpretiert wurde, wird doch in letzter Zeit gerade diese Dimension vielmehr ausgelotet.
Hier am Haus hat die Produktion ja schon eine bewegte Geschichte hinter sich – denn geplant war sie zuerst als normale Premiere im Velodrom für Februar – dann wurde sie abgesagt – und nun kommt sie als Freilichttheater heraus. Wie geht man mit solchen Umplanungen um?

KK: Der Formatwechsel war tatsächlich in der Musik am gewaltigsten zu spüren. Für das Velodrom war als musikalisches Element geplant, Bettina Ostermeier als Solopianistin im Bühnenbild an den Flügel zu setzen. Sie hätte auch die ein oder andere kleine Rolle mitübernehmen sollen. Jetzt als Freilichtaufführung haben wir die Rolle der Musik neu gedacht und vergrößert. Wir haben nun also eine ganze Rockband versammelt, die den gesamten Abend begleiten wird.

Nun ist ja diese gesellschaftskritische Komödie nicht unbedingt ein Stück, für das man ein musikalisches Konzept einplant – welche Rolle wird Musik in dieser Inszenierung spielen?

KK: Unser Ausgangspunkt war erst einmal, dass wir diesen perfekten Dialogen, die eine perfekte Fassade behaupten, etwas möglichst Emotionales und Rohes entgegensetzen wollten. Und die Tatsache, dass wir ungewöhnlich viele Falsett-Sänger im „Bunbury“-Ensemble haben! Wir waren also erst einmal bei Prince, Police … und dann irgendwann natürlich auch bei Freddie Mercury und Queen. Oscar Wilde musste ja ein stets gefährdetes Doppelleben führen, weil sein Lebensstil als Homosexueller mit hohen Strafen belegt war im England des 19. Jahrhunderts. Wir haben in unseren Recherchen dann festgestellt, dass Freddie Mercury durchaus in seiner Biographie Parallelen zu Wilde hatte. Er hatte auch eine lange Beziehung zu einer Frau, hat also versucht, ein „normales, bürgerliches Leben“ zu führen. Anders als Wilde konnte er sich dann aber zu seiner Sexualität bekennen und ein freieres Leben führen. In seiner Musik hat sich Freddie immer das Herz aufgerissen. Er war nicht umsonst ein phänomenal erfolgreicher Entertainer – gerade weil er sich so veräußert hat, weil er sich so entblößt hat vor den Leuten. Und diese Kontrastwirkung von der hochemotionalen Musik zu diesen auf Hochglanz polierten intellektuellen Dialogen der Figuren wollten wir in „Bunbury“ einarbeiten.



„Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach. Das moderne Leben wäre gähnend langweilig, wenn es eins von beidem wäre.“
Algernon

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