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Die Laborantin

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Ich habe heute morgen eine 7,7 getestet. Veranlagung zu Diabetes und noch irgendwas Kleineres. Nichts Schlimmes. Wie wär's damit?
Bea in „Die Laborantin“


Inhaltsverzeichnis:

Zum Stück
„Eine einfache Antwort kann es in so einer komplexen Thematik nicht geben!“
– Interview mit Regisseur Gregor Tureček und Ausstatterin Christin Schumann
Wie ist es, die Zukunft zu proben?  – Gespräch mit dem Ensemble der Produktion

Probenfotos: Martin Kaufhold



Wenn alles fix und fertig geplant scheint, dann ist es okay, sich mal dem Zufall hinzugeben. Dem Nervenkitzel des Unabsehbaren.
Char in „Die Laborantin“


ZUM Stück

Ein einziger Tropfen Blut, drei Sekunden warten, ein maschinelles Piepen: Das Ergebnis des Gentests, das den Verlauf eines ganzen Lebens bestimmt, ist da! In „Die Laborantin“ entwirft die britische Dramatikerin Ella Road eine Gesellschaftsvision, in der das Auswerten genetischer Daten omnipräsent ist. Ein Rating-System, in das zukünftige Krankheiten, Gesundheitswerte und die Lebensdauer mit einfließen, teilt alle Menschen auf einer Skala von 1-10 ein. Der Wert auf dieser Skala bestimmt alles: In was für einem Job man arbeiten darf, ob man die Krankenversicherung bezahlen kann und ob man überhaupt als Teil der Gesellschaft gilt.

Bea, die selbst einen sehr guten Ratingwert hat, arbeitet als Laborantin und erstellt Bluttests, durch die die menschliche DNA entschlüsselt wird. Dann lässt sich ihre Kindheitsfreundin Char von ihr testen und das Ergebnis der genetischen Auswertung verändert alles. Immer weiter verstrickt sich Bea in die Abgründe der Ratinggesellschaft. Auch ihr Freund Aaron gerät in die Widersprüche des Systems. Lebenslügen werden aufgedeckt und Freundschaften aufgekündigt. Denn was passiert, wenn ein Ratingwert missbraucht wird? Womöglich von einem selbst? Und ist es überhaupt ein Fortschritt, den Verlauf des eigenen Lebens genau voraussagen zu können?

Seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Jahr 2003, entdeckt die Medizin immer mehr Möglichkeiten, den genetischen Pool zu beeinflussen. Auch die anfangs stark kritisierte Pränataldiagnostik ist mittlerweile verbreitete Praxis. Bonusprogramme von Krankenkassen, Fitnessuhren und allerlei andere Instrumente, rücken die Gesundheit und Langlebigkeit des Menschen immer weiter in den Fokus. Ella Road hat mit „Die Laborantin“ einen Science-Fiction-Thriller für die Bühne geschrieben, der aktuelle Entwicklungen weiterführt und ein Schreckensszenario abbildet, das schon in unserer Gegenwart seinen Anfang nimmt.

Durch eine Abfolge aus Spielszenen und Videosequenzen, entfaltet das Stück, das erst 2018 entstanden ist, ein wahres Panorama dieser womöglich zukünftigen Welt. Der Regisseur Gregor Tureček inszeniert „Die Laborantin“ als packendes Kammerspiel und legt die komplexen Fragen des Themas offen. In den von Julia Novacek gefilmten Videos wird eine Medienwelt erlebbar, die von Talkshows über Werbeeinspieler das Bild einer Gesellschaft zeichnet, in der das Ratingsystem über allem steht. Die Ausstattung von Christin Schumann entwirft eine klinisch-weiße Welt, in der  nach und nach wild wachsende Pflänzchen den Raum zurückerobern. Denn ist es überhaupt möglich, das Individuum zurückzudrängen und als Rating-Gesellschaft zu bestehen? Oder beginnt das System zu bröckeln?



Wo ein Wettbewerb ist, da gibt es auch Betrüger.
David in „Die Laborantin“


„Eine einfache Antwort kann es in so einer komplexen Thematik nicht geben!“

Das Team der Inszenierung „Die Laborantin“ schaut durch einen Blick in die Zukunft auf unsere Gegenwart. Regisseur Gregor Tureček (GT) und Ausstatterin Christin Schumann (CS) im Gespräch mit Schauspieldramaturgin Laura Mangels.

Die Dreharbeiten zur Produktion „Die Laborantin“ von Ella Road sind gerade abgeschlossen. Ab dem 14. Mai wird die Produktion im Stream angeboten. Zurück an den Anfang: Was fandet ihr an dem Text reizvoll?

GT: Der Text hat mich auf ein Thema aufmerksam gemacht, das mir in der Dimension gar nicht bewusst war: Wie weit die Humangenetik auf wissenschaftlicher Seite schon ist und wieviele ethische, moralische, gesellschaftliche Fragen da dran hängen, die gar nicht Teil einer breiten Öffentlichkeit sind.

CS: Mich hat interessiert, an einer Zukunftsvision oder einer dystopischen Zukunftsfantasie zu arbeiten. Also nicht in Richtung Vergangenheit oder Gegenwart zu denken, sondern zu schauen, wie sich die Dinge entwickeln, wo wir heute stehen und genau dazwischen eine Brücke zu schlagen. Es interessiert mich, was eine Zukunftserzählung in Hinblick auf die Gegenwart offenbaren kann, zum Beispiel, indem wir merken, an welchem Punkt das Thema Humangenetik heute sogar schon ist.

Wie seid ihr vorgegangen, um euch diese Zukunft auszudenken?

CS: Wenn man Science-Fiction guckt, fällt man schnell in eine klassische Science-Fiction-Ästhetik. Und das war uns beiden bewusst, dass man Gefahr läuft, einfach etwas zu reproduzieren, was sich alle so unter Zukunft vorstellen. Raumschiffe, bestimmte Technologien, so etwas. Deswegen habe ich mir selbst zum Ziel gesetzt, einen anderen Blick auf diese Zukunftsvision zu werfen.

GT: Wenn ich aus der Regieperspektive drauf gucke, ist, glaube ich, der Trick, alles was in der Zukunft spielt, möglichst alltäglich zu behandeln. Nicht mit dem Finger drauf zu zeigen, sondern eher kleine Irritationen einfließen zu lassen, die etwas Zukünftiges subtil einführen.
Wir wollen ja zum Beispiel im Stück Wasserknappheit erzählen und haben ein Waschbecken auf der Bühne. Diese Wasserknappheit wird zwar nicht textlich erzählt, aber man merkt im Umgang mit dem Wasserhahn, dass die Figuren sehr genau drauf schauen, wieviele Tropfen in den Zahnputzbecher fließen. Diese kleinen Details erzählen dann schon recht viel dieser zukünftigen Welt.

Wenn man sich den Abend anschaut, ist man sich ja nicht unbedingt sicher, ob es sich wirklich um eine reine Dystopie handelt. Gerade die Ästhetik von Bühne und Kostüm lässt viel Spielraum für die eigene Interpretation dieser zukünftigen Welt.

CS: Ich erinnere mich, dass wir uns in dem Prozess, um gemeinsam Bühne und Kostüme zu entwickeln, immer wieder ermahnen mussten, nicht zu dystopisch zu denken und nicht zu negativ zu werten.

GT: Wir haben ja auch überlegt, was wir in dieser Zukunft für einen Gesellschaftsentwurf annehmen und welches politische System wir erzählen wollen. Und da haben wir versucht, auch Aspekte unterzubringen, die man vielleicht auch als „progressiv“ bezeichnen würde. Zum Beispiel hat dieser Staat den wir erzählen, den Umweltschutz auf die oberste Agenda gesetzt oder wir haben etwa daran gearbeitet, stereotype Geschlechterklischees zu überwinden. Einfach um es dem Publikum, aber auch uns selbst, nicht zu einfach zu machen, die Themen, die das Stück behandelt, allzu leicht negativ zu bewerten. Und um festzustellen, dass die Welt oft ambivalent ist. Dass man Aspekte einer Gesellschaft gut finden kann und gleichzeitig Aspekte problematisieren muss. Gerade weil ich eine zunehmende Polarisierung wahrnehme, in der es häufig darum geht, ob man auf der einen oder auf der anderen Seite steht, tut es gut, dem Entwürfe entgegen zu stellen, durch die man gezwungen ist, eine differenziertere Haltung einzunehmen.

Apropos Ambivalenz: Wir haben ja in der Inszenierung eine Welt, in der die Technik immer allumfassender wird und gleichzeitig ein Bühnenbild, in dem man das Gefühl hat, dass sich das Anthropozän verabschiedet und die Natur übernimmt.

CS: In dem Text wird an unterschiedlichen Stellen deutlich, dass es in dieser Welt, in der die „Laborantin“ spielt, Klimaprobleme gibt wie Wasserknappheit. Und beim Lesen des Textes habe ich immer danach gesucht, wie denn diese Umwelt aussieht. Ich fand es interessant, dass die nie beschrieben wurde. Wir sind dann in dem Konzeptionsprozess zu der Idee gekommen, diese Naturvorstellung dem Ordnungs- und Ratingswahn dieser Gesellschaft entgegen zu stellen. Und so ist eine schöne visuelle Diskrepanz entstanden, indem zum Beispiel der klinische Fliesenboden von Pflanzen durchbrochen wird.

GT: Also ich glaube ja nicht, dass das Anthropozän in unserem Entwurf überwunden ist. Es sind ja eher ein paar kleine Pflänzchen, die da gegen etwas ankämpfen. Der menschliche Einfluss und die Dominanz unserer Spezies nehme ich trotzdem als sehr spürbar war. Gleichzeitig sieht man schon an dem Stück, wie das Anthropozän in seinen Bestrebungen, sich als menschliche Spezies zu optimieren, an seine Grenzen gerät. Und zwar immer dann, wenn man auf das Individuum guckt. Wenn man zum Beispiel überlegt, dass in dieser Welt Menschen mit bestimmten Erkrankungen sterilisiert werden sollen, um die menschliche Spezies als Ganzes „gesünder“ zu machen, funktioniert das eben nicht mehr, sobald man auf das Individuum guckt.Weil man dieses einzelne Schicksal nicht aushalten möchte! Und das selbe Gefühl stellt sich bei mir auch ein, wenn ich auf die Bühne gucke. Dass man versucht alles glattzubügeln und alles unter dem schicken Fliesenboden zu verstecken. Aber das funktioniert halt nicht, weil dann doch das individuelle Pflänzchen rausbricht. Zum Glück!

Ich sehe in der Welt, die die Inszenierung erschafft, durchaus eine Zeitenwende. Der Mensch erscheint abhängig von der Natur durch den Klimawandel, den Wassermangel, Südfrüchte wachsen nur noch vereinzelt. In einem Moment, in dem der Mensch eine Technologie entwickelt, die ihn daran erinnert, nicht das Leitungswasser aufzudrehen, weil es eben kaum noch Wasser gibt, bin ich mir nicht mehr sicher, ob die Macht wirklich noch beim Menschen liegt.

GT: Das stimmt, in der Inszenierung gibt es bestimmt auch eine Wirkmächtigkeit dieser Umwelt, die dem Menschen nicht mehr das Spielfeld überlässt. Die Frage ist, wie weit die Figuren im Stück das überhaupt reflektieren, dass das Wasser zum Beispiel begrenzt ist. Diese Machtverschiebung wahrzunehmen, bräuchte sicher viel Selbstreflexion, um nicht mehr als Mensch von sich zu behaupten, im Anthropozän zu leben.

CS: Dazu passt vielleicht auch, dass ja die Figuren in der Inszenierung diese durchbrechende Natur im Bühnenbild garnicht beachten. Die wird ja nicht bespielt oder etwa als Krone der Schöpfung dargestellt. Stattdessen ist die Hauptfigur Bea damit beschäftigt, ihren gestutzten Bonsai zu wässern und die wilden Pflanzen wachsen, ohne dass sie es überhaupt merkt. Diese Ambivalenz finde ich einen interessanten Ansatz.

Ein weiteres Element der Inszenierung, das ambivalent ist, ist die Spielweise auf der Bühne und in den Videosequenzen. Das Stück besteht aus einer Abfolge aus Bühnenszenen und Videosequenzen. Die von Julia Novacek gedrehten Videoszenen sind deutlich künstlicher und „überdrehter“. Was hat dich, Gregor, als Regisseur daran gereizt?

GT: Zunächst glaube ich, dass in dem Stück eine Medienkritik drinsteckt.Und für diese Setzung habe ich mich bewusst entschieden, weil es mir etwas Angst macht, ist, ob es uns gelingt eine Medienöffentlichkeit zu erhalten, die der Objektivität verpflichtet ist und Vielstimmigkeit zulässt. In Deutschland können wir uns da glaube ich noch sehr glücklich schätzen. Denn ich denke, wenn man die Pluralität von Stimmen nicht zulässt und kritische Stimmen in den Untergrund und in soziale Medien verdrängt – und diese dann womöglich auch noch wie in China zensiert –, würde ich mir schon große Sorgen machen, wie man mit den kommenden Herausforderungen umgeht.
Die Unterschiedlichkeit der Spielweisen hat jedoch keinen politischen Hintergrund. Das ist eher auf den Proben mit dem Video-Ensemble entstanden. Außerdem ist ja auch die Grundsituation, dass man eh nicht gegen die Vorbilder und Sehgewohnheiten der Filmlandschaft ankommt, wenn man anfängt, am Theater Film zu machen. Und deshalb kann die Entscheidung irgendwie nur sein, sich ästhetisch auf das zu besinnen, was wir können. Und das ist dann vielleicht nicht die Ästhetik aus den Serien, die wir jeden Abend gucken, sondern  ein Versuch, Formate wie Talkshows und Werbungen nicht nur zu kopieren, sondern sie zu zitieren und dadurch diese Genres, zum Beispiel in einer überhöhten Spielweise, zu demaskieren.

Hat sich für euch das Verhältnis zu den Themen des Stückes, vor allem hinsichtlich der gentechnischen Möglichkeiten, durch die Produktion verändert?

CS: Ich glaube, ich habe – ohne mich da selbst positionieren zu wollen – ein Verständnis dafür bekommen, was die Genetik und eben auch dieses Rating für Vorteile haben können. Damit meine ich nicht, dass ich das unterstütze, aber zu sehen, dass eine Gesellschaft dadurch vielleicht gesünder werden kann und gefährliche Erkrankungen aus der DNA entfernt werden können, ist ein Gedanke, den ich vorher noch nie hatte. In der Recherche stößt man natürlich vor allem auf negative Folgen, aber auch mal den anderen Blickwinkel einzunehmen, war interessant.

GT: Auch in Bezug auf die MRNA-Impfstofftechnologie gibt es ja gerade die Hoffnung, damit auch viele weitere Krankheiten behandeln zu können. Und da kommt man dann schon zu der Frage, ob man da nicht auch einen klaren Fortschritt drin sieht. Und was das Stück uns aber ja wirklich aufzeigt, ist, dass in dem ganzen Thema ganz viele komplexe ethische Fragen stecken. In Bezug auf das im Stück angesprochene Thema, dass zum Beispiel Menschen mit einem schlechten Rating schon als Embryonen aussortiert werden, kommt man natürlich schnell zu dem Punkt, dass für sehr problematisch zu halten. Aber die Frage, ob man Zufallsbefunde über potentielle genetische Defekte mitgeteilt bekommen möchte, was ja auch jetzt schon eine Möglichkeit ist, finde ich total kompliziert. Es gibt vielleicht Lebensentwürfe, in denen man wissen möchte, ob man ein erhöhtes Risiko für eine Krankheit hat und dann gibt es andere Lebensentwürfe, in denen das keine Rolle spielt. Aber alleine die Tatsache, dass einem die Frage gestellt wird, bringt einen ja schon in ein Dilemma, an dem Menschen auch kaputt gehen könnten. Und wer entscheidet das, dass diese Frage überhaupt gestellt wird und wer nicht? Ich hoffe, dass es der Inszenierung gelingt, diese Komplexität offenzulegen. Die vier Hauptfiguren im Stücke nehmen ja alle sehr unterschiedliche Haltungen hinsichtlich ihrer Einstellung zu den genetischen Ratings ein. Und durch die Probenzeit habe ich alle ihre Grundmotivationen besser verstehen gelernt. Eine einfache Antwort wird es in so einer komplexen Thematik nicht geben.

Ich danke euch für das Gespräch!



Dieser ganze Quatsch, Datingprofile mit Blutratings und so, entweder man steht auf jemand oder nicht, finde ich.
Aaron in „Die Laborantin“


Wie ist es, die Zukunft zu proben?

Das Ensemble der Produktion „Die Laborantin“ im Gespräch über eine Welt zwischen Fortschritt und Abgrund und ihre Arbeit an den Figuren.
Verena Maria Bauer (VMB), Zelal Kapcik (ZK), Thomas Weber (TW) und Michael Heuberger (MH) sprachen mit Schauspieldramaturgin Laura Mangels über die großen Themen des Stücks.

Ihr seid gerade fertig geworden mit der Arbeit an der Inszenierung „Die Laborantin“ von Ella Road im Theater am Haidplatz. Im Produktionsprozess haben wir uns viel mit den ethischen Fragen beschäftigt, die der Text hinsichtlich Gentechnik aufwirft, haben gelesen und Filme geschaut. Wie seht ihr denn diesen Text – als Utopie oder Dystopie?

VMB: Teils, teils. Einerseits ist es eine Dystopie, weil die Möglichkeit, ins genetische Material einzugreifen, auch viele negative Auswirkungen eröffnet, zum Beispiel eine Gesellschaft nach ihrem genetischen Material zu strukturieren. Aber ich sehe da auch eine Utopie drin, Krankheiten zu heilen, Leben zu retten und damit Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen. Es bleibt aber ein ein sehr zweischneidiges Schwert.

TW: Ja, ich glaube auch, dass es beides ist. Als vermeintliche Utopie beschreibt das Stück ja irgendwie einen farbenblinden Darwinismus so nach dem Motto „Es ist zum Beispiel nicht mehr wichtig, welche „Hautfarbe“ du hast, wenn du gute Gene hast, kannst du alles schaffen“. Die Dystopie daran ist, dass das System darunter ein Turbokapitalismus ist. Nur die Menschen mit den besten Genen, die dann auch als ArbeitnehmerInnen das System am besten erhalten können, dürfen am längsten leben.

VMB: Ja, im Grunde wie die Leistungsgesellschaft, in der wir leben, nur eben noch potenziert und auf weitere Bereiche ausgedehnt.

ZK: Und irgendwie ist vieles davon ja auch heute schon Realität, weil es sich schon lange anbahnt. Das wurde mir durch das Stück sehr bewusst. Viele Anfänge dieser Welt sind schon heute bei uns sichtbar. Einerseits werden die „-ismen“, die Diskriminierungen abgeschafft, aber dafür wird ein neues Level der Diskriminierung etabliert.

MH: Ich spiele in dem Stück von meiner Figur her ja den Part des Zweiflers. Und an einer Stelle gibt es ja den Subtext „Wo ein Wettbewerb, da gibt es auch Betrüger“. Verena hat ja auch schon den guten Gebrauch und den Missbrauch solcher Technologien angesprochen und was die „Güte“ des Menschen angeht, ist ja doch leider immer recht sicher, dass die entgleiten wird. Wir haben ja auch schon in einigen Ländern Designer-Babies und generell einen wahnsinnigen Ehrgeiz, das eigene Kind zu etwas „Besserem“ zu machen. In der Konsequenz ist das natürlich der nackte Horror. Jede Menschenrechtscharta beinhaltet eigentlich schon in der Präambel die Gleichheit der menschlichen Existenz. Denkt man diese Technologien weiter, kommt man aber dahin, dass der Mensch maximal verwertbar gemacht werden soll. Wie das Zuchthühnchen in der Ernährungsindustrie. Das ist einfach unser System: Solange man mit etwas ein Geschäft machen kann, macht es jemand.

Michael, du hast ja gerade schon angesprochen, was dir durch deine Figur eindrücklich in Erinnerung geblieben ist. Eure vier Figuren erzählen sehr unterschiedliche Haltungen gegenüber der Welt und dem Gen-Rating-System, in dem sie leben. Gibt es Eindrücke aus eurer Arbeit an den Figuren, die euch aus dem Probenprozess besonders in Erinnerung geblieben sind?

VMB: Meine Figur ist ja die Systemtreuste, weil sie mithilft, Blut abzunehmen und Ratings anzufertigen. Diese Spirale des verzweifelt Gut-Genug-Sein-Wollens, die bei ihr ein großes Thema ist, wird durch das System sogar noch befeuert. Man hat ein gutes Rating, Unsicherheiten werden dadurch weniger, man bekommt gute Jobs. Ihr ist das alles sehr wichtig, obwohl sie – ohne jetzt spoilern zu wollen – in große Schwierigkeiten gerät, weil sie sich so auf das System fixiert. Aber diesen Druck zu spüren, in ein System passen zu wollen und es dadurch aufrechtzuerhalten, kann ich gut nachvollziehen. Das ist glaube ich etwas, was wir auch heute gut kennen. Ich spreche jetzt von mir als Frau und denke, dass Frauen diesen Druck, Erwartungshaltungen zu erfüllen, auch in unserer jetzigen Gesellschaft sehr stark spüren.

TW: Hm... aber trotzdem verstößt deine Figur gegen das System, in dem sie Blutwerte fälscht!

VMB: Ja, voll, das stimmt! Es ist ein eigener Moralkodex, der dann in einem egoistischen Moment auch aufgehoben werden kann. Zum einen das System zu erhalten und es dann trotzdem zu untergraben, weil man sich selbst Rechtfertigungen dafür sucht.

ZK: Ich finde spannend, was du bezüglich des Egoismus deiner Figur sagst, da möchte ich gleich andocken. Ich habe das Gefühl, dass viele der Figuren für sich selbst handeln. Zum Beispiel bei meiner Figur, der Char, frage ich mich immer wieder, ob sie sich für den Weg, gegen das Ratingsystem zu kämpfen und Aktivistin zu werden, überhaupt entschieden hätte, wenn sie ein gutes Rating gehabt hätte. Hätte sie sich dann vielleicht auch einfach angepasst? Wären diese kritischen Gedanken überhaupt in ihr entstanden? Und sie versucht ja auch trotzdem, sich oberflächlich an das System anzupassen als Überlebensstrategie. Und gleichzeitig schafft sie sich eine eigene Nische, eine neue Welt, die dem System entgegen gestellt ist. Aber im ersten Moment ging es ihr ja ganz egoistisch darum, dass sie selbst betroffen ist. Diese Kritik dann mit einer Gemeinschaft zu teilen und zu einer Bewegung zu werden, ist dann erst später entstanden.

VMB: Aber vielleicht ist es ja auch weniger Egoismus, als viel mehr der bloße Überlebenswille, weil man ja in der Erzählung von der „Laborantin“ aus diesem Ratingsystem auch gar nicht mehr rauskommt? Aber ich find es ein spannendes Gedankenspiel zu überlegen, was aus Char geworden wäre, wenn sie ein „Highrater“ wäre.

TW: Meine Figur, Aaron, ist ein gutes Beispiel dafür, dass er nicht nach den Werten des Systems lebt. Er lässt seine Gene nicht raten und das geht eine lange Zeit gut. Aaron ist für mich ein Relikt aus einer vorherigen Zeit, der noch nach dem Motto lebt „Du kannst alles schaffen, wenn du das Privileg hast, ein weißer Mann zu sein, weil dann bist du unverdächtig.“
Ich finde, das ist auch irgendwie die Verbindung zwischen meiner Figur und David, der Figur von Michael. David hat ein verdammt hohes Rating, hat sich aber dafür entschieden, nicht „wirklich etwas daraus zu machen“ im kapitalistischen Sinne.

MH: Ja, Tom, was du ansprichst, ist ein Lebensmuster, das vielleicht sogar häufiger gelebt wird, als man es wahrnimmt. Das erinnert mich an einen Zeitungsartikel, den ich gerade im Kopf habe, in dem es um das Kloster geht, das neben unserer Probebühne im Stahlzwingerweg liegt. Dort ist eine Frau ziemlich jung ins Kloster eingezogen, die ist Professorin für Astrophysik und hat gesagt „So, jetzt wähle ich ein anderes Leben“. Die könnte auch bei der NASA arbeiten. Und diese erste Irritation „Was macht denn diese Frau im Kloster?“ erinnert mich an meine Figur. Was macht denn David als Pförtner in der Klinik? Aber dieses Selbstbewusstsein – im ganz wörtlichen Sinne –, zu sagen, dass man genauso handelt, wie man selbst sich das Leben vorstellt und wie die eigenen Prioritäten gestrickt sind – das ist in dieser Welt durchaus auch ein Gegenentwurf.

Der Regisseur Gregor Tureček hat ja versucht, keine Science-Fiction-Klischees zu bedienen, sondern die Zukünftigkeit eher in Alltagsgesten zu erzählen. Wie war es denn für euch, die Zukunft zu proben?

ZK: Im Spiel miteinander hat man ja diese futuristische Komponente eigentlich nicht so gemerkt.  Und viele der Alltäglichkeiten nehmen ja schon in unserer Zeit ihren Anfang. Dass man zum Beispiel beim Arzt sein Blutbild auswerten lässt. Es ist eher das Umfeld der Szenen, in dem wir merken, wie das ganze System funktioniert, in denen ich die Tragweite gespürt habe.

VMB: Für mich hat es sich auch in den Details gezeigt. Wenn zum Beispiel Obst auf der Bühne war und man sich als Spielerin damit auseinandersetzt, wie man damit umgeht. In der Welt, die wir erzählen, sind Südfrüchte sehr kostbar und teuer geworden sind. Auch bei den Drehs der Videosequenzen, an denen wir ja auch beteiligt wurden, hatte ich das Gefühl, in eine Zukunft einzutauchen.

TW: Aber diese Zukunft die wir da erzählen, kann auch überspitzt gesagt schon heute Abend starten. Denn so vieles ist schon jetzt spürbar: Das Grundrauschen von Social Media,  dass es Diskussionen darüber gibt, inwiefern  Medien instrumentalisiert werden, dass künstliche Intelligenzen mit einem reden. Hallo, Siri, hallo, Alexa! Das ist nicht weit weg von uns.

VMB: Ne, das stimmt. Aber ich finde doch, als wir zum Beispiel darüber geredet haben, wie die Umwelt aussieht, dass es Wasserknappheit gibt, wie die Klimakrise vorangeschritten ist, die fehlenden Ressourcen in der Umwelt – da wurde für mich die Zukunft spürbar.

MH: Also ich glaube auch, dass es in dem Stück eine Gegenüberstellung gibt zwischen dem „Innen“ und dem „Außen“. Der Text ist ja angelegt als Kammerspiel und es gibt viele intime Gesprächsszenen, die in Wohnzimmern oder in geschlossenen Räumen stattfinden. Und es gibt ein Außen, das von Klimakrise, Wassermangel und Umweltproblemen geprägt ist. Und ich glaube in der Summe, sehen wir viel „Inneres“, das uns an uns erinnert, während das „Außen“ sich schon sehr verändert hat.

Ich habe noch eine letzte Frage an euch. Auf die dürft ihr nur mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. Wenn jemand auf euch zukommen würde und euch die Möglichkeit geben würde, eure Gene auszulesen, was würdet ihr sagen?

TW: Nein!

MH: Nein.

VMB: Ich bin schrecklich neugierig, aber es würde mir sicher psychisch damit nicht gut gehen. Deswegen... - ne, ich muss „Nein“ sagen.

ZK: Keine Ahnung. Das ist schon spannend...

VMB: (lacht) „Ja“ oder „Nein“, Zelal.

ZK: Hmmmm.... Nein.

Ich danke euch für das schöne Gespräch!


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