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Die Nibelungen

Digitales Programmheft

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Inhaltsverzeichnis:

Zum Stück
Die Nibelungensage – Vom mittelalterlichen Epos zum Drama des 19. Jahrhunderts
„Mich interessiert das Reibungspotential“ – Im Gespräch mit Julia Prechsl
Hebbel und die Frauen

Triggerwarnung: sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung

Probenfotos: Martin Sigmund



Zum Stück

Siegfried ist unbezwingbar. Ihm gehört der Nibelungenhort mit der mächtigen Klinge Balmung und die Nebelkappe des Zwergs Alberich. Ein Bad in Drachenblut machte ihn unverwundbar – lediglich ein Lindenblatt, das zwischen seine Schulterblätter fiel, ließ eine kleine Stelle ungeschützt. Ihm wird geweissagt, dass sein Schicksal mit der starken und unbeugsamen Brunhild verknüpft ist.
Brunhild ist die stolze, wilde und mächtige Königin Islands und wird nur einen ebenbürtigen Mann ehelichen. So fordert sie jeden Werber zum Kampf. Wer unterliegt, verspielt sein Leben. Als Siegfried, getarnt von der Nebelkappe, an den Feuersee kommt, der Brunhilds Burg umgibt und gemäß der Weissagung verlischt, verspürt er allerdings keine Liebe. Ungesehen reitet er wieder ab.
Der Drachentöter sucht neue Herausforderungen für seine unbändige Kraft. So landet er in Burgund an König Gunthers Hof. Während eines Wettkampfs erblickt er Gunthers Schwester Kriemhild im Fenster und verliebt sich sofort. Er gewinnt das Wettwerfen; Gunther findet Gefallen an ihm und gibt ihm einen Wunsch frei. Der Recke bittet um Kriemhilds Hand, die für ihre Schönheit auf der ganzen Welt gerühmt wird. Gunther willigt ein – aber nur unter einer Bedingung: Er möchte, dass Siegfried ihm hilft, Brunhild für sich zu erobern. Mit Hilfe der Nebelkappe soll der Drachentöter die Wettkämpfe gegen Brunhild gewinnen, während Gunther die dazugehörigen Gesten liefert. Gesagt, getan. Brunhild unterliegt scheinbar Gunther und fügt sich, als Braut nach Burgund zu reisen, wo Doppelhochzeit gefeiert wird. Doch Hagen, dem treuen Gefolgsmann und Ratgeber Gunthers, schwant, dass sein Herr seine Braut in der Hochzeitsnacht nicht bändigen können wird.
Hagen bittet Siegfried abermals um Hilfe: Dieser soll mit der Tarnkappe Gunther auch beim Geschlechtsakt beistehen, damit der erste Betrug nicht auffliegt. Der Drachentöter sträubt sich zuerst, fügt sich dann aber: Gunther und Siegfried vergewaltigen Brunhild.
Nach der „Hochzeitsnacht“ ist Brunhild gebrochen. Kriemhild findet am nächsten Tag einen fremden Frauengürtel im Schlafzimmer. Sie bezichtigt ihren Siegfried des Ehebruchs und dieser gesteht, dass er Brunhild für Gunther unterworfen habe. Von diesem Wissen belastet sucht die junge Frau ihre Schwägerin auf, um ihr das Geheimnis anzuvertrauen und für Siegfried um Vergebung zu bitten. Brunhild versteht, dass sie beide Gegenstand eines Kuh-Handels waren, der darin gipfelte, dass der ihr eigentlich vorgesehene Mann – der unbezwingbare Drachentöter – sie zweimal mit hinterlistiger Gewalt bezwang, um eine andere Frau heiraten zu können.
Ihr Zorn und ihr Hass kennen keine Grenzen und sie fordert mittels eines Hungerstreiks Siegfrieds Tod. Hagen, der den kühnen Recken ob seiner Angeberei ebenfalls hasst, schreitet für sie zur Tat …
 
Viele Jahre sind vergangen. Kriemhilds Forderungen nach Vergeltung wurden ignoriert und verhallten ungehört. Von unbändigem Schmerz erfüllt, trauert sie ungebrochen um Siegfried und weist jeden Werber ab.
Erst der Antrag des gefürchteten Hunnenkönigs Etzel und vor allem Hagens Unbehagen angesichts dieser Verbindung, lassen sie aufmerken. Ein derart mächtiger Feind böte viele Chancen – sie willigt in die Ehe ein und zieht an den fernen Hof. Etzel vergewaltigt sie in der Hochzeitsnacht und sie gebiert ihm den lang-ersehnten Sohn. Doch sie trägt weiterhin Trauer und schmiedet Pläne für ihre furchtbare Rache. Zur Sonnwendfeier lädt sie ihren Bruder Gunther und dessen Gefolge zu einem Bankett. Doch es sind nicht erlesen Speisen und gute Weine, die die Gäste erwarten, sondern Mord und Blutvergießen.
 
Julia Prechsl hat Hebbels Trilogie gekürzt, personell destilliert und neu arrangiert. Sie gibt den beiden Protagonistinnen mehr Raum für ihre Gefühle, Motivationen und Gedanken. So wird der Königinnenstreit, in dem die beiden Frauen ursprünglich um den Status ihrer Ehemänner streiten, zu einer kraftvollen Szene einer versuchten Verschwesterung. Kriemhild und Brunhild stehen an diesem Abend im Zentrum des Geschehens und lassen die Männer um sich herum im Rachestrudel kreisen.


Es ist ein altes Wort,
Daß Zaubergold noch durstiger nach Blut,
Als ausgedörrter Schwamm nach Wasser ist.
Stimme


Die Nibelungensage

Vom mittelalterlichen Epos zum Drama des 19. Jahrhunderts

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von fröuden hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen.

So beginnt das „Nibelungenlied“, das große und großartige mittelalterliche Heldenepos, das in der Wende zum 13. Jahrhundert verschriftlich wurde, und damit die älteste erhaltene Version der Nibelungensage ist. Der Stoff wird auch später in einigen anderen mittelalterlichen Schriften verarbeitet, wie zum Beispiel der jüngeren Edda, ist aber bereits mehrere Jahrhunderte alt, als der unbekannte Dichter des „Nibelungenlieds“ seine Verse niederschreibt. Man geht davon aus, dass der Stoff ungefähr 700 Jahre lang durch mündliche Epensänger tradiert worden ist. Diese erste Strophe ist eine Ankündigung von Wundern, Mühsal, tapferen Helden und ihren Kämpfen. In ca. 2400 weiteren sangbaren, vierzeiligen Strophen, die wiederum in 39 „aventiuren“ (eine Art Kapitel) gegliedert sind, wird im Folgenden das wunderbare Märchen um den Drachentöter Siegfried, Kriemhild, Brunhild und deren Rache erzählt. Die Versform ging als „Nibelungenstrophe“ in die Literaturwissenschaft ein, da sie metrisches Charakteristikum der Heldenepik wurde. Die Melodie lässt sich heute leider nicht mehr rekonstruieren.
Im 19. Jahrhundert wurde das Epos wiederentdeckt und die aufbrandende Rezeption vermischte sich mit der Sehnsucht nach einem deutschen Nationalstaats nach den Napoleonischen Kriegen. Zahlreiche Nibelungen-Neugestaltungen entstanden. Heute sind uns nur noch zwei vertraut, die in etwa zur gleichen Zeit geschrieben und komponiert wurden: Wagners Oper und Hebbels Drama – beide gehören in ihren Genres zu den wichtigsten Werken ihres Jahrhunderts.
Friedrich Hebbel dramatisierte den Stoff knapp 600 Jahre nach der ersten Verschriftlichung und arbeitete ca. fünf Jahre an seinem dreiteiligen Werk. „Der gehörnte Siegfried“, „Siegfrieds Tod“ und „Kriemhilds Rache“ sind so konzipiert, dass sie an zwei Theaterabenden zur Aufführung gebracht werden können. Hebbel las den Stoff als große Menschheitstragödie und schuf ein äußerst modernes Charakter- und Geschichtsdrama. Die Dramatisierung hatte zur Folge, dass der Dialog in den Vordergrund rückte und die Figuren in ihrem Handeln neu begründet werden mussten. So wurden sie mit psychologischer Motivation ausgestattet; zu diesem Zweck straffte er den Stoff, füllte Lücken, schaffte Verzahnungen und arbeitete Einzelszenen aus.
Hebbel erlebt mit den „Nibelungen“ endlich den Erfolg, nach dem er sich sein Leben lang verzehrte, verstarb allerdings drei Jahre nach der Uraufführung in Weimar.  
Auch nach Hebbel riss die Faszination des „Nibelungenlieds“ nicht ab. Heute existieren in etwa 60 vollständige Übersetzungen ins Neuhochdeutsche – manche in Versform, andere in Prosa –, zudem eine Anzahl an Neuerzählungen, Bearbeitungen und Adaptionen.  Lange wurde das Nibelungenlied als Nationalepos der Deutschen gedeutet; diese kulturelle und politische Vereinnahmung fand ihren Höhepunkt im Nationalsozialismus, wo das „Nibelungenlied“ missbrauchten, um Soldatenehre und Opferbereitschaft zu legitimieren. Heute nimmt man von einer solchen Interpretation Abstand und wendet sich anderen Aspekten der Erzählung zu – zum Beispiel in der Genderforschung der Literaturwissenschaft.
Das große mittelalterliche Epos bietet jeder Generation neues Reibungspotential: Es stellen sich immer wieder neue Fragen und Interpretationsmöglichkeiten, sodass der Stoff und alte Rezeptionsmodelle mit frischen Perspektiven geprüft und neu gedacht werden können.


Ich ward nicht bloß verschmäht,
Ich ward verschenkt, ich ward wohl gar verhandelt!
Ihm selbst zum Weib zu schlecht,
War ich der Pfenning, der ihm eins verschaffte!
Das ist noch mehr, als Mord,
Und dafür will ich Rache! Rache, Rache!
Brunhild


„Mich interessiert das Reibungspotential“

Dramaturgin Saskia Zinsser-Krys sprach mit der Regisseurin Julia Prechsl über ihre Fassung und Konzeption von Hebbels Klassiker.

Julia, nach Kleists „Käthchen von Heilbronn“ bist Du wieder mit einem Klassiker-Monstrum auf einer großen Bühne am Theater Regensburg. Was interessiert Dich generell an Klassiker-Inszenierungen?

An Klassikern generell interessiert mich erst einmal das Reibungspotential, weil ich ein „Problem“ in der künstlerischen Auseinandersetzung mit ihnen habe: Die klassischen Stoffe haben mich zum Theater gebracht. All diese großen Erzählungen waren das, was mich in der Schule interessiert hat, diese alten Texte, die wie ein unendlich langes Gedicht eine Geschichte erzählen und zwar auf eine sehr komplexe Art, die man nicht sofort versteht, sondern über die man nachdenken muss. Als ich dann später angefangen habe, mich als Regisseurin und vor allem auch politischer Mensch – als politische Frau – damit auseinanderzusetzen, habe ich festgestellt, dass ich ein massives Problem habe: mit den Geschlechterbildern, mit dem Machtungleichgewicht und mit dem, was diese Stoffe zeigen und wie sie ihre Figuren oft repräsentieren. Das ist das Reibungspotential – einerseits die Liebe zu diesen Texten und auch der extrem schönen Sprache und der Wille, das auch weiterhin auf Bühnen stattfinden zu lassen und andererseits meine eigenen politischen Ideale nicht zu verraten und meine eigene Weltsicht zu erzählen.

Dieses Mal hast Du für uns eine eigene Fassung von Hebbels „Die Nibelungen“ erarbeitet. Was fasziniert Dich an dem Stoff?

Da war tatsächlich die eben genannte „Reibung“ ziemlich schnell der springende Punkt, weil mich natürlich sofort Brunhild und Kriemhild interessiert haben – zwei sehr starke und relativ große Frauenfiguren im Stück, aber mal wieder mit wenig Textanteil. Vor allem mit Brunhild hat man eine Protagonistin, deren Fokus nicht rein auf der Liebe liegt. Das ist eine Frau mit einem Königreich und sie ist die stärkste Frau der Welt. Und diese beiden Frauen bewegen sich in einer irren Märchen- und Sagenwelt – da hat man wirklich das Gefühl, „Game of Thrones“ hat eigentlich nur abgeschrieben.

Du hast Dich mit Deinem Team an die Konzeption gemacht, aber dann wurdet ihr erst einmal gestoppt, als eine globale Pandemie ausbrach und uns alle in eine nie-gekannte Situation warf. Einige Zeit war nicht klar, wann wir wieder spielen dürfen und wenn, unter welchen Umständen – Woche um Woche gab es neue Informationen und Angaben. Wie hat das Deine Fassung und Euer Konzept beeinflusst?

Gefühlt habe ich noch nie für eine Produktion so viele Konzepte gemacht (lacht). Normalerweise habe ich immer sehr schnell ein genaues Gefühl dafür, was ein Stoff in dem Rahmen braucht, in dem man ihn erzählen soll. Dadurch, dass sich der Rahmen immer wieder verändert hat, hat sich auch das Gefühl immer wieder verändert. Wir haben also versucht, mit den Umständen mitzugehen. Als dann klar war, dass das Theater für den Herbst versucht, mit allen Corona-bedingten Einschränkungen eine Art „Normalität“ herzustellen und Theaterabende auch wirklich als Theaterabende stattfinden zu lassen, sind wir dann bei dem gelandet, was wir jetzt machen.

„Die Nibelungen“ ist, ähnlich wie das „Käthchen“, ein großer Stoff mit gefühlt hunderten von Männern, die alle mit einem großen Schwert in der Hand durch die Gegend laufen und legendäre Schlachten schlagen. Hebbel hat sein dreiteiliges Werk so konzipiert, dass es zwei volle Theaterabende bedarf, um den Stoff zu erzählen. Wie kondensiert man das nicht nur für einen Abend, sondern vor allem auch für ein möglichst kleines Ensemble?

Da passiert Vieles automatisch durch den eigenen Blick. Es gibt immer wahnsinnig viele Aspekte, die einen interessieren könnten – und durch das eigene Faszinosum, die eigenen Perspektive fallen dann ganz viele dieser Aspekte schon weg. Wie wenn man eine Skulptur macht, da haut man auch erst einmal die groben Brocken weg. Nachdem also das Grundgerüst stand, war für mich ganz deutlich, dass ich möchte, dass es einen schnellen Ton hat und dass die Spannung einen Sog herstellt. Ähnlich wie diese Filme und Serien, die gerade auf allen Videoplattformen durch die Decke gehen und in denen die Stoffe der Sagen eine Renaissance erleben, wie z.B. „Game of Thrones, „Vikings“, „The Witcher“, „Herr der Ringe“ und so weiter. Das wollte ich mit dem Hebbel versuchen. Dadurch wurde es immer knackiger und auch schärfer.

  
Bild links: Guido Wachter, Verena Maria Bauer; Bild rechts: Ensemble; Foto: M. Sigmund                          

Das ist eine Kunst in sich bei einem Stoff, der eine komplizierte Handlung und vor allem so viele Orte und auch Jahre bis Jahrzehnte umfasst. Das bedarf auch einer Bühne und Kostüme, die das mittragen und -erzählen. Wie hat das funktioniert?

Ähnlich wie bei der Fassung! Für den Raum war für Valentin und mich die Machtverhältnisse des Stücks entscheidend. Brunhilds Satz „In Dir und mir / Hat Mann und Weib für alle Ewigkeit / Den letzten Kampf um’s Vorrecht ausgekämpft.“ hatte da vielleicht eine Schlüsselfunktion. Wir haben sehr viel darüber gesprochen, wie zentral die Vergewaltigung von Brunhild in diesem Stück ist und dass es ab diesem Moment für alle im Stück nur noch bergab geht (was durchaus sehr gerecht ist). Das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau ist nicht so klar wie in den meisten anderen Klassikern, weil es ja da noch die fantastischen Mächte gibt. Es gibt Figuren, die übermenschlich sind, wodurch die eigentliche gesellschaftliche Ordnung ins Wanken gerät. Dafür haben wir nach einem Bild gesucht und sind bei der Welle gelandet, der Woge, dem unruhigen Meer. Es gibt keinen geraden Ort, auf dem man stehen kann, man steht immer im Verhältnis zueinander.
Bei den Kostümen waren dann konsequenterweise die Naturbilder, die bei Hebbel eine große Rolle spielen, ausschlaggebend. Anna hat dann den einzelnen Figuren Elemente zugeordnet, wodurch sich dann Stoff- und Farbauswahl ergeben haben. Trotzdem sollte aber auch der Adelsstatus und das Hofleben mitgespiegelt werden.

Du hast vorhin einige Referenzen zu Filmen und Serien gemacht. Ich finde, der Abend hat ein filmisches Element, denn man wird in die Handlung reingezogen und bevor man sich versieht, sind 2,5 Stunden vergangen und man hat die Nibelungensage erzählt bekommen. Für mich hat an dieser Soghaftigkeit die Musik bzw. das musikalische Konzept einen großen Anteil.

Auf alle Fälle! Fiete denkt – vor allem, wenn Valentin die Bühne macht – die Musik als Element des Raums. Damit soll weniger emotionale Untermalung stattfinden, sondern die Welt weiter aufgebaut und erzählt werden. Er kam dieses Mal auf eine total schöne Idee: Er hat sich gefragt, wie wir diese Welle hören könnte. Dafür wollte er aber kein Wassergeräusch, sondern ein Aschemeer erklingen lassen. Er hat sich also einen Abend lang mit dem Mikrophon und dem Grill hingestellt (lacht). Und dieses klirrende Geräusch, wenn man Holzkohle in den Grill schüttet, hat er benutzt und verfremdet zu einem trockenen Meeresgeräusch. Daraus hat er dann die Klangwelt gebaut.

Dein Käthchen hat am Schluss einen feministischen (und von Publikum und Presse gefeierten) Monolog gehalten und auch dieses Mal war ja von Vornherein klar, dass sich die Inszenierung um die zwei Protagonistinnen Brunhild und Kriemhild drehen wird. Wie bist Du dabei vorgegangen?

Ein bisschen mit der heiligen Trias aus (zählt an Fingern auf): 1. Originaltexte mit den Schauspieler:innen so erarbeiten, dass sie im Spiel eine neue Bedeutung bekommen. Dann 2. Texte selbst schreiben und den Figuren unterjubeln, was vor allem für den Kernmoment zwischen den beiden Frauen entscheidend war. Und 3. beherzt in die Dramaturgie des Materials eingreifen.

Mit „Kernmoment“ meinst Du den berühmten Königinnenstreit. Diese hast Du mit Originaltext und selbstgeschriebenen Zeilen ganz neu gedacht –

Genau! Im Original treffen die beiden Frauen nach Brunhilds Vergewaltigung vor dem Dom aufeinander und streiten darum, wer den besseren Mann geheiratet hat und dabei knallt Kriemhild Brunhild an den Kopf, dass sie hinters Licht geführt wurde. Daraus eine Szene zu machen, die Solidarität und Liebe erzählt, in der die verzweifelte Kriemhild Brunhild die Wahrheit sagt, weil sie der Meinung ist, dass das das Richtige ist und weil sie Hoffnung hat, dass Brunhild Siegfried verzeihen könnte.

Es ist für Dich immer ein Wunsch, Stücke gender-paritätisch zu besetzen und so hast Du auch dieses Mal wieder mit einem 8-köpfigen Ensemble aus vier Frauen und vier Männern gearbeitet. Wieso ist Dir das wichtig?

Es gibt im klassischen Kanon viel weniger Rollen für Frauen als für Männer und es gibt auch viel weniger spannende Rollen. Wir sind im 21. Jahrhundert! Es gibt überhaupt keinen Grund, weshalb Frauen nicht genauso vorkommen sollten auf der Bühne. Und dann ist mir das egal, ob irgendjemand vor über 200 Jahren geschrieben hat, dass diesen Text ein Mann sprechen muss. Dann spricht ihn halt heute eine Frau. Es gibt an den Schauspielschulen viel mehr Bewerberinnen und Schauspielschulen haben regelmäßig das Problem, dass sie aber gar nicht so viele annehmen können, weil später an den Theatern die Nachfrage dafür nicht da ist – obwohl sich das langsam ändert, gerade auch durch z.B. paritätische Besetzungsanfragen. Also, diese Frauen sind da und die sind besonders und die wollen was erzählen und die wollen spielen. Und wenn ich dabei helfen kann, das auf einer Bühne zu tun, dann werde ich das machen.


In Dir und mir
Hat Mann und Weib für alle Ewigkeit
Den letzten Kampf um’s Vorrecht ausgekämpft.
Brunhild


Hebbel und die Frauen

Hebbel gilt immer wieder als der Erschaffer starker und bemerkenswerter Frauenfiguren, wird immer wieder als „Dichter der Frau“ bezeichnet. Diese Einschätzung wird aber vor allem in der feministischen Literaturwissenschaft seit einigen Jahren kritisch hinterfragt.
Hebbels eigenes Privatleben war von zwei starken und sehr unterschiedlichen Frauen geprägt: Er pflegte jahrelang ein intimes Verhältnis zu der Näherin Elise Lensing, die ihn in jeglicher Art – oft auch finanziell – unterstützte und ihm in allen Krisen seelischen Halt bot. Obwohl sie gemeinsam zwei Kinder bekamen, jahrelang zusammenwohnten und sie ihn anflehte, sie zu heiraten, verweigerte er ihr die Ehe. Im Jahr nach der Geburt des zweiten Sohnes lernt Hebbel die Burgschauspielerin Christine Enghaus kennen und verlobt sich mit ihr am Silvesterstag. Die Ehe mit der Schauspielerin bringt ihm Zugang zur Gesellschaft, materielle Sicherheit und gute Kontakte zum Theater. 1847 versterben von beiden Frauen jeweils ein Sohn – Elise ist seelisch gebrochen, hatte sie zuvor schon ihren anderen Sohn verloren. Sie zieht daraufhin für ein Jahr zu dem Ehepaar Hebbel. Bei ihrer Abreise nach Hamburg gibt Christine ihren Sohn aus erster Ehe, Carl, der zur Freundin gewordenen Frau mit. Elise nahm Carl bei sich auf und zog ihn auf.

Auch seine Protagonistinnen sind oft starke Frauen. Vor allem sind sie aber immer außergewöhnliche Schönheiten, werden von den männlichen Figuren deshalb begehrt und vergöttert. Verlassen sie aber den tugendsamen Weg, so werden sie dämonisiert. Die mächtige, unbezwingbare Brunhild charakterisiert Hebbel von Vornherein als Herrscherin in einem christlichen Land, aufgezogen von der heidnischen Amme Frigga. Es ist diese widerspenstige Exotik, die Brunhild für König Gunther so anziehend macht. Sie müsste eigentlich Siegfried zugeordnet werden, dem ebenfalls unbesiegbareren Recken. Doch dieser wählt Kriemhild, die blonde, schüchterne Jungfrau. Brunhild wird bei Hebbel noch mehr als im „Nibelungenlied“ als Umkehr der traditionellen Weiblichkeit gezeichnet – vor allem mit Kriemhild als gegenüberstehendem Ideal. Ihre Vergewaltigung, durch die sie ihre magischen Fähigkeiten verliert, ist in der patriarchalen Erzählstruktur eine logische Konsequenz, die jedoch einen sehr schalen Geschmack hinterlässt. Als sie später von dem Frauentausch erfährt, in dem sie nicht nur „verschmäht“, sondern gar „verhandelt“ wurde, muss sie Rache einfordern und sich dafür in das vorhandene System einfügen, da ihr selbst die Kraft dazu fehlt.

Diametral dazu errichtet Kriemhild nach Siegfrieds Tod und durch die Hochzeit mit Etzel eine quasi-matriarchalische Regierung, indem sie den Hunnenkönig nur für die potentiellen Rachemöglichkeiten ehelicht. Auch sie muss eine Vergewaltigung in der Hochzeitnacht ertragen – doch sie gebiert dem König den Thronfolger. Etzel zieht sich danach aus dem ehelichen Zusammenleben zurück und lässt seine Frau frei schalten und walten. Als skrupellose, wortgewaltige Intrigantin gibt sie sich ganz dem Blutrausch hin. Am Ende wird ihr mit den Worten „Kommt hier der Teufel doch noch vor dem Tod? Zurück zur Hölle“ der Kopf abgeschlagen.
Wendet man den Blick von seinen geschaffenen Figuren hinweg auf seine Tagebücher, so offenbart sich schnell ein frauenfeindliches Bild. Er verwendet fast durchgehend das degradierende „Weib“ statt des neutralen „Frau“ und stellt sich gegen die Emanzipation: „Man muss dem Weib keine Rechte, nur Privilegien, einräumen. Sie wollen diese auch lieber als jene.“ (Tagebuchnotiz, Februar 1837). Er hegte eine deutliche Abneigung gegen „Damen-Schriftstellerei“ und war erleichtert, als seine 15jährige Tochter „nichts ‚Geniales‘“ aufwies, da er „bei weiblichen Naturen kein besonderer Freund“ davon war (Brief an Friedrich Uechtritz vom 29.1.1862). Generell sieht er den „Zweck“ der „Weiber“ darin, jung und schön zu sein, Liebe für Mann und Kinder zu hegen und ein angenehmes Gemüt zu haben. Selbstverständlich hat sie dabei dem Mann untertan zu sein:
„Das Weib muss nach der Herrschaft über den Mann streben, weil sie fühlt, dass die Natur sie bestimmt hat, ihm unterwürfig zu sein und weil sie nun in jedem einzelnen Fall prüfen muss, ob das Individuum, dem sie sich vis a vis befindet, im Stande ist, das ihm seinem Geschlecht nach zustehende Recht auszuüben. Sie strebt also nach einem Ziel, das sie unglücklich macht, wenn sie’s erreicht.“
Obwohl er Frauen im Allgemeinen tieferen Geist abspricht, so erkennt er doch ein klares Talent zur Hinterlist. In einem Tagebucheintrag schrieb er 1844: „Warum ist das unbedeutendste Weib immer schneller mit einer Intrige pp fertig als der geistreichste Mann?“
Wie auch in der wissenschaftlichen Forschung lohnt es sich auch in der Kunst, Hebbels Dramen mit einem heutigen, weiblichen Blick neu zu betrachten und die dargestellten Genderrollen zu hinterfragen.


Ich hörte stets, daß Liebe kurze Lust
Und langes Leid zu bringen pflegt, ich seh’s
Ja auch an Dir und werde nimmer lieben,
O nimmer, nimmer!
Kriemhild

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