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ZUM Stück

Gotthold Ephraim Lessing ist verzweifelt: Nicht nur, dass ihm gerade die Liebe seines Lebens und ihr gemeinsames Kind gestorben sind – nein! –, jetzt bekommt er auch noch beruflichen Ärger. Als Bibliothekar in Wolfenbüttel verdingt er sich auch ab und zu als Verleger und vor einiger Zeit hatte er die „Fragmente eines Unbekannten“ von Hermann Samuel Reimarus herausgegeben. Dieser vertritt darin die Auffassung, dass die Bibel nicht wörtlich zu nehme sei. Zwar distanziert sich Lessing in seinem Vorwort von dieser Haltung, macht aber deutlich, dass eine religionskritische Debatte auf breiter Basis in diesen aufgeklärten Zeiten möglich sein müsse.
Und jetzt wird er wegen dieser Lappalie vom Hamburger Hauptpastor Goeze angegriffen. Mehr noch: Als er sich in öffentlichen Briefen wehrt, bekommt er ein Publikationsverbot von seinem Dienstherrn. Aber nicht mit Lessing! Es ist zwar schon sechs Jahre her, dass er sein letztes Theaterstück verfasst hat, aber beherzt fasst er den Plan, sich noch einmal ans kreative Schreiben zu wagen, um Goeze nochmal öffentlich eins auszuwischen.
Und es läuft gut! Der Plot ist ihm klar, die Figuren werden kunstvoll eingeführt, seine recherchierten Informationen gut platziert. Doch da spricht ihn plötzlich eine seiner Figuren an – und beschwert sich! So eine Frechheit! Wieso schreibt er die Frauenfiguren nicht komplexer? Und wieso lassen sich Tempelherr und Sultan Saladin so schnell umstimmen? Ist das nicht alles sehr konstruiert? Ist nicht hier und da der Wortgebrauch etwas rassistisch, rutschen ihm nicht manchmal die Figuren in Klischees ab? Sollten wir das heute nicht politisch korrekter formulieren?
Was er anfangs noch gut ignorieren kann, wird mit der Zeit zur Zerreißprobe für seine Nerven und schließlich flieht er vor der Konfrontation. Aber was passiert nun mit den alleingelassenen Figuren? Und was passiert zwischenzeitlich mit Lessing?

Lessings „Nathan der Weise“ gehört fest zum Literaturkanon sowohl auf der Bühne als auch im Klassenzimmer. Allerdings muss man sich heute – 242 Jahre später – fragen, ob Lessings Utopie einer Weltgemeinschaft noch Hoffnung in sich für unsere Zukunft birgt oder ob sie schlicht unerreichbar ist. Denn eines wissen wir sicher: Eingelöst hat sie sich bis jetzt nicht.
Deshalb hat das Theater Regensburg den preisgekrönten Theaterautor Konstantin Küspert, der in Regensburg geboren und aufgewachsen ist, beauftragt, dieses bewährte Stück dahingehend neu zu befragen und zu überschreiben.
Küspert möchte heute, 10 Generationen später und mit unserem heutigen Wissensstand und dem heutigen gesellschaftlichen Bewusstsein, Lessings eigentliche Intention wieder greifbar machen. Dafür war für ihn eine Veränderung der Erzählweise unumgänglich. Sein erster Arbeitsschritt war, den gesamten „Ur-Nathan“ in seine eigene direkte und klare Sprache zu übersetzen und dabei auch seinen Humor einfließen zu lassen. Zu dem dadurch vorgegebenen Plot, schrieb er eine weitere diskursive Ebene rund um die Figur Lessings.
Zudem war es ihm wichtig, gerade in unserer globalisierten Welt, in der die Auswirkungen des Kolonialismus immer noch spürbar sind, aufzuzeigen, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, dass ein weißes Universalgenie vom heimischen Schreibtisch aus sich das Denken und Fühlen von Menschen aus anderen Kulturkreisen imaginiert. Deshalb hat er als weiteres Gegengewicht zum Lessing’schen Plot Antigone Akgün, eine kluge junge Dramaturgin und Dramatikerin, gebeten, einem Chor ihre Stimme zu leihen – in Form von Zwischenrufen und Interventionen kommt so auch die Perspektive der differenten –  also der nicht-männlichen und nicht-weißen – Figuren zu Wort. So können weitere Inhalte kommuniziert werden, die über Erfinder Lessing und den Bearbeiter Küspert hinausgehen.



NATHAN – ABER WIE?!

Konstantin Küspert

nathan der weise. schulstoff. ideendrama. man könnte auch sagen: theaterstück gewordener theologisch-gesellschaftsphilosophisch-soziologischer diskurs. ellenlange, trockene repliken, unterkomplexe figurenpsychologie und frauenbild aus der hölle. wie kann ich dieses drama, dieses für die europäische und deutsche geistesgeschichte zweifelsohne wahnsinnig wichtige stück literatur für ein heutiges publikum, heutige rezipienten zugänglich machen? auch für leute die nicht philosophie, literaturwissenschaft oder theologie studiert haben? menschen, die möglicherweise ohne lektüreschlüssel ins theater kommen? oder – gott bewahre !! – das stück vorher nicht mal gelesen haben?
was ist das für eine aufgabe?
lessing, am ende seines lebens, hat gerade frau und kind begraben, sitzt in wolfenbüttel am schreibtisch und streitet sich mit einem pfarrer aus hamburg. über monate hinweg spammen sie die zeitungen voll mit repliken aufeinander, bis schließlich lessings dienstherr ihm verbietet, weiter zu antworten. und lessing, beleidigt aber stur, einfach ein theaterstück schreibt. ein letztes. mit seiner ganzen verletztheit, seiner wut aber auch seinem sendungsbewusstsein, ja seiner hoffnung auf eine bessere welt.
es wäre falsch und billig, dieses stück auszustellen, zu denunzieren, sich darüber lustig zu machen.
wie kann ich heutigen menschen vermitteln, was lessing mutmaßlich den menschen seiner zeit vermitteln wollte?
ich brauche eine andere sprache, andere bilder, einfacheren satzbau. und ich brauche fußnoten. eine möglichkeit, hintergrund einfließen zu lassen, der für das verständnis wesentlich ist.
ich muss fremdheit, verschiedenheit, differenz zeigen. durch dialekt? nicht dümmer, nicht weniger wert, nur anders. mein grundstudium an der uni regensburg, kommiliton:innen haben im breitesten waidler-dialekt brilliante referate über linguistischen determinismus gehalten.
überhaupt, differenz. lessing hat von seinem niedersächsischen schreibtisch aus fast tausend jahre und viertausend kilometer überbrückt, ohne einmal darüber nachzudenken, ob er das konnte oder durfte. ich kann das nicht; wo ist der mehrwert? bin ich doch auch wieder nur ein deutscher, christlich geprägter und autochthoner mann. ich kann mir auch wieder nur vorstellen und imaginieren. ich brauche ein korrektiv, eine weitere stimme, die ich nicht liefern kann. eine junge frau, die mit mehr kulturkreisen vertraut ist als nur mit dem deutschen. die eine völlig andere sichtweise einnehmen kann als ich. antigone akgün. von ihr werden wir noch viel hören am theater. sie schreibt antike chöre, eine kommentar- und disruptionsebene. das brauchen wir heute.
und dann muss der autor auftreten. sich mit den figuren austauschen. angreifbar sein. er selber legende geworden, literarische figur. überlebensgroß. kann so auch noch andere akteur:innen der ideengeschichte treffen, in diskurs treten. in verhältnisse. lessing reloaded also – nathan 2020



OFT KONZENTIERT, ABER IMMER MIT VIEL LACHEN

Dramaturgin Saskia Zinsser-Krys im Gespräch mit Regisseurin Cilli Drexel über die Probenarbeit von „Nathan“

Cilli, das ist nicht die erste Uraufführung von einem Küspert-Text, die Du verantwortest. 2016 hast Du sein „europa verteidigen“ als erste Regisseurin inszeniert und damit zu den Mülheimer Theatertage 2017 eingeladen, wo Du den Publikumspreis gewannst. Ist diese Arbeit mit der vor einigen Jahren vergleichbar?

Erst einmal ist kaum eine Inszenierungsarbeit mit der anderen vergleichbar – es sind ja immer andere Texte und andere SchauspierInnen. (lacht.) Aber tatsächlich gibt es große Unterschiede bei diesen zwei Texten von Konstantin. „europa verteidigen“ war eine groß angelegte Materialsammlung , die aus unterschiedlichen Erzählsträngen bestand. Eine Mischung aus  dokumentarischen Stimmen , aus historischem Material und der mythologischen Erzählung von Europa . Beim „Nathan“ dagegen gibt es einen stringenten Plot, mit festgelegten Szenen in einer festgelegten Reihenfolge. Das diskursive und die Material- und Gedankenfülle, die Konstantin in seinem Schreiben ausmachen, die kommen dann auf einer Kommentier-Ebene dazu …

… denn Konstantin hat Lessing selbst zu einer Figur gemacht …

Genau. Lessing selbst ist auf der Bühne und erzählt und kommentiert, warum und wie er das Stück schreibt. Und dazu kommentieren aber dann auch immer mehr die Figuren aus einer heutigen Perspektive.

Und damit nicht genug. Denn Konstantin hat eine weitere Dramatikerin gebeten, einen Chor zu schreiben. Wie verhält es sich mit den Texten von Antigone Akgün?

Ja, der Chor. Unsere Aufgabe war es, passende Stellen für Antigone Akgüns Interventionen / Zwischenrufe / Kommentare / etc. zu finden. Sowohl Konstantin als auch Antigone haben uns da große Gestaltungsfreiheit gelassen. Wir mussten also erst einmal herausfinden: Was ist denn dieser Chor für uns? Wann kommt er und warum dann da? Aus wie vielen Menschen besteht er und muss das immer gleich sein? Hier und da gab es auch Stellen, wo sich Konstantins und Antigones Texte inhaltlich gedoppelt haben – da mussten wir entscheiden, was bleibt drin, wo ist der Gedanke gerade besser aufgehoben?

Apropos entscheiden, was drin bleibt – es war ja eine ganz schöne Textfülle, die uns erst einmal erreicht hat – fast gleichzeitig haben wir aber durch die Pandemie die Auflage erhalten, dass wir im Velodrom keine Pause machen können und somit in der Spieldauer eingeschränkt sind.

Ja! Da mussten wir ganz schön den Rotstift ansetzen und vieles kompakter gestalten. Die Pandemie hat uns sowieso vor einige … interessante … Herausforderungen gestellt. Glücklicherweise habe ich mit Maren sowieso eine Bühnenbildnerin an der Seite gehabt, die es gewohnt ist, Bühnen zu gestalten, die sich noch weiter entwickeln und im Prozess entstehen – sie konnte sehr spontan darauf reagieren. Aber auch Imke, unsere Kostümbildnerin musste sich umstellen. Geplant war ursprünglich, dass es mehrere Kleiderstangen auf der Bühne gibt und jede Figur darin herumwühlt und sich immer sucht, was für die Szene oder die Haltung gerade passend erscheint. Das durften wir leider nicht umsetzen, weil alles, was einmal angefasst wurde auf der Bühne, sogleich desinfiziert werden muss. Aber Not macht erfinderisch und siehe da: Recha und der Tempelherr können sich auch ganz ohne Berührung verlieben!

Es war also Flexibilität von allen Beteiligten gefordert! Denn alle hatten mit den Auflagen zu kämpfen und gleichzeitig eine Textkollage mit gewaltigen Umfang vor sich – waren die Proben dann in angestrengter Atmosphäre?

Überhaupt nicht. Oft konzentriert, aber immer mit viel Lachen. Alle haben sich darauf eingelassen, dass wir bis zum Schluss suchen und umstellen und streichen und schieben müssen. So ist das manchmal. Auch Konstantin musste damit leben, dass sein Text noch weiter stark bearbeitet wird – das ist bei einer Uraufführung eher ungewöhnlich. Aber er hat uns und unseren Entscheidung Vertrauen geschenkt. Wir alle haben gemerkt, wie der Text und das Bühnengeschehen mit der Zeit immer dichter wurden. Und als dann das Original-Bühnenbild und Licht und Kostüme dazukamen, haben alle auch das gleiche Ziel vor Augen gehabt.



LAUTER ALLEGORIEN

Antigone Akgün

Nathan –
Wir hätten gerne mehr
Über deine Weisheit erfahren.
Was sind deine Leitlinien
Und wer deine Vorbilder?
Welche Bücher
Und Menschen
Und Reisen
Prägten dich?
Teilst du diese Erfahrungen manchmal
Mit Recha?
Lässt du sie auch aus Quellen lesen,
Die mit Konventionen brechen,
Um den Kopf auszulüften?
Wir wissen es nicht.
Dass du allerdings ein erfolgreicher jüdischer Kaufmann,
Oder besser: der Proto-Stereo-Typ bist,
Entging uns nicht,
Viel beneidet um seine Zielstrebigkeit und deswegen
Oft als listenreich diffamiert.
Ach, und wir haben eine Flamme gesehen,
Wie sie ganz leise in deinem Kopf zu glühen begann,
Ein Funke Ratio, der sich nach Aufklärung sehnte
Und mit diesem Wunsch
Nicht Wenige in seinen Bann zog.

Sultan –
Wir hätten dich gerne gefragt,
Wie du zum Schachspiel kamst,
Was es dir bedeutet,
Wie es dich erfüllt.
Schenkte es dir je einen Pokal
Oder einen schlimmen Gegner?
Deine Schwester etwa?
Sittah?
Sie hat auch nie von sich erzählt,
So wirklich.
Welche Rolle spielt sie im Palastgeschehen?
Seid ihr ein Familienunternehmen?
Und seid ihr gleich groß?
So auf Augenhöhe?
Wir wissen es nicht.
Dass ihr nicht sonderlich geschäftig,
Aber dafür sehr mächtig seid
Oder besser: die Proto-Stereo-Typen
Die gerne am Schachbrett chillen,
Entging uns allerdings nicht.
Ach und dass euch Gnade
Kein Fremdwort ist,
Bei Menschen deren
Physiognomien ihr feiert,
Weil aus ihnen eure Ahnen sprechen.

Tempelherr –
Wir wüssten mal gern,
Wie oft du deinen echten Namen hörst,
Ob Tempelherr schon
Auf dem Spitznamen-Ehrenplatz
Deines Herzens thront.
Und wie steht es eigentlich um deine
Sanitäterausbildung oder was du eigentlich machst?
Ja, was machst du denn eigentlich?
Isst du gerne Datteln?
Die trockenen oder die Medjool?
Und kriegst du unter Palmen keinen Sonnenbrand?
Sag, was bedeutet dir Zuneigung
Und war das mit Recha
Liebe auf den ersten Blick?
Wir wissen ja echt so gaaaaar nichts.
Also außer, dass du deines Seins überdrüssig bist
Und eigentlich nur für Mädels deiner Konfession
Den Rettungshelfer gibst
Oder besser: dass du halt so ein waschechter Proto-Stereo-Typ bist,
Das haben wir mitgekriegt.
Ach, und dass du für einen Held,
Den du ja gerne spielst,
Dann doch ’ne ganz schöne
Petzeliese bist.

Daja –
Verrat’ uns mal deine Top-Erziehungsmethoden,
Montessori oder Waldorf?
Klosterbrüder!
Patriarchen!
Derwische!
Öffnet euch!

Tempelherr,
Sag an: Schläfst du nachts jetzt ohne Baldrian,
Da du doch kein Zitat: Judenmädchen liebtest?
Sittah,
Erzähl: Hättest du die Recha früher auch so herzlich umarmt?
So ganz frei von Ekel?
Und was hat die Blutsverwandtschaft mit dir gemacht?
Mit euch allen??

Ihr sagt nichts.
Haltet den Atem an,
Seid stumm,
Schweigsam.

Wie könntet ihr denn anders?
Leblos wie ihr seid,
Ohne Blut in den Venen,
Mit Fäden am Kopf.
Marionetten.
Allegorien
Eines predigenden Dichters.

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