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Sand

Digitales Programmheft

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Inhaltsverzeichnis:

Nicht den Kopf in den Sand stecken – Zum Inhalt
„Ich ergebe mich, Erde“ – Im Gespräch mit Georg Reischl
Aus Assoziationen werden Bilder
Wie Sand am Meer?
Unser Haus brennt – Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2019 von Greta Thunberg

Probenfotos: Gerhard W.H. Schmidt


Musik von Nils Frahm: Says, Hammers, Familiar, Unter – Tristana – Ambre, For – Peter – Toilet
Brushes – More (2013 Erased Tapes Records Ltd.), It Was Really, Really Grey, Dedication, Loyalty,
I Would Like To Think (2009 Erased Tapes Records)



Nicht den Kopf in den Sand stecken

von Christina Schmidt

Für den ersten Tanzabend in dieser Spielzeit hat Georg Reischl mit den TänzerInnen assoziativ gearbeitet. In den Köpfen der Künstler­Innen ließ der Titel „Sand“ vielfältigste Bilder entstehen, die dann im nächsten Schritt in Bewegungen gefasst wurden.

Das vielseitige Assoziieren erwies sich für „Sand“ als eine wesentliche Komponente und Voraussetzung kreativen Tuns. Das zunächst experimentell-spielerische Kombinieren und Verknüpfen von Wahrnehmungen und Vorstellungen führte zu neuen ungeahnten Möglichkeiten.

Strand. Sonne. Meer. Wüste. Mit nackten Füßen über unebenen Untergrund laufen. Bewegungen an ungewohntes Terrain anpassen. Die fortwährende Veränderung von Küstenlinien unter dem Einfluss von Meer und Wind und vor allem durch den Menschen selbst. Das sind nur einige der Gedankenverknüpfungen, die sich bei dem Wort „Sand“ einstellen.

Diesen Bildern des Sandes folgend, zeigt Georg Reischl gemeinsam mit den TänzerInnen wie sich Landschaften und Systeme verändern – in der Natur und in der Gesellschaft.
Ein anderer für den Abend wichtiger Aspekt ist die Verwertbarkeit des Sediments Sand. Von Glas über Keramik und Beton bis hin zu Mikrochips und Handys: All das wäre ohne Sand undenkbar. In Reischls Tanzabend wird Sand zu einer Metapher für Natur, die vom Menschen ausgebeutet wird. Wir verkaufen die Erde, den Sand und machen sie so zu einem Wirtschaftsgut. Aber der Sand wird rar. Um ihn ist längst ein Kampf entbrannt. Es gibt sandschmuggelnde Mafiosi und Supersandsauger großer Konzerne mit weltweitem Einsatz. Besonders gefragt ist er da, wo das Wirtschaftswachstum groß ist. Vor den Küsten von Tanger und Casablanca in Marokko sind die feinen Sandstrände teilweise zu mondähnlichen Kraterlandschaften mutiert.

Auch vor diesem Hintergrund bekommt die Forderung, die Greta Thunberg erst im vergangenen Jahr beim Weltwirtschaftsforum in Davos in ihrer Rede formulierte, eine weitere Dringlichkeit: „Ich möchte, dass ihr so handelt, als ob unser Haus in Flammen steht. Denn so ist es.“

So entsteht in Reischls Tanzabend eine Kette von getanzten assoziativen Bildern, die sich zwischen Bewegung und Stillstand, Schnelligkeit und Vereisen, Sprache und Verstummen bewegen.
Ausstatter Michael Lindner hat für diesen Abend ein Bild geschaffen, das die Natur auf die Bühne holt und in Relation zu unserer Konsumgesellschaft setzt. Auf diese Weise wird Natur in Form von Sand zu einem Ausstellungsgegenstand, zu einem Kunstobjekt.

Reischl hat für seine Choreographie Musik des jungen deutschen Komponisten und Soundartists Nils Frahm ausgewählt. Frahms neoklassisch inspirierte Werke kombinieren minimalistische Klänge mit dem klassischen Instrument Klavier, mal kontemplativ gespielt, aber auch hymnisch und ekstatisch.


„Ich ergebe mich, Erde“

Dramaturgin Christina Schmidt im Gespräch mit dem Choreographen Georg Reischl

Wie bist du nach „Juke Box Heroes“ und „Drum Dancing“ auf so etwas Konkretes wie „Sand“ gekommen?

„Juke Box Heroes“ war ja sehr linear, geometrisch und hat die Bühne gezeigt wie sie ist. Ich hatte dann für diesen Abend hier eher ein Gefühl von Natur, die eben nicht geometrisch ist. Die Herausforderung, eine Bühne mit Sand aufzuschütten, hat mich sehr gereizt.

Was war zuerst da, der Stücktitel oder die Bühnenidee?

Zuerst entstand die Idee von Natur auf der Bühne, dann der Titel. Die Gespräche mit Michael Lindner, dem Ausstatter, haben sich dann angeschlossen. Und dann kam der Lockdown. Im Nachhinein verwischen sich da meine Erinnerungen, weil die Zeit so losgelöst von allem war.

Mir war nach dem Lockdown sehr wichtig, bei dem Entwurf zu bleiben. Die Bühne mit ihrem unebenen Sandboden, der sich durch die Bewegungen verändert, hat so viel mit dieser Form von Anpassung an unsere neuen Bedingungen zu tun.

Jetzt ist die Produktion fertig. Wie verhält sich das Konkrete der Bühne zu den Deutungsmöglichkeiten des Abends?

Man hat natürlich diesen konkreten Raum, der viel vorgibt. Aber er fächert gleichzeitig auch sehr viel auf – nicht zuletzt mit den Fernsehern auf der Bühne. Man hat diese Landschaft auf der Bühne. Da kann man an Strand denken, aber auch an Wüste oder an eine Mondlandschaft. Mit den TänzerInnen ergibt sich noch etwas Weiteres, denn die Energie der Bewegungen wird sichtbar durch den Sand. Oder wenn die TänzerInnen hier auf den Boden schauen, sehen sie nicht einen Tanzboden, sondern Sand. Das öffnet beim Zuschauen wieder ein anderes Fenster.

Ganz am Anfang des Stückes, wenn Louisa und Alessio auftreten und die Arme heben, wirkt es auf mich als ob sie sagen: „Ich ergebe mich, Erde.“ Das war im Ballettsaal, wo wir den Sand noch nicht hatten, ganz anders. Oder wenn die beiden später liegen, als würden sie sich sonnen und wir sehen in den Fernsehern die Sonne.

Durch diese Kombination von Natur und Technik, Bühne und Sand tun sich bei mir ganz viele Möglichkeiten auf. Wir bieten durch die Bilder in den Fernsehern, die Wolken, Sonne, noch weitere Assoziationen an. Selbst wenn diese Bilder gerade nicht sichtbar sind, bleiben sie im Kopf und kombinieren sich zu etwas eigenem. Auch die konkreten Requisiten, die Plastikflaschen und die Blumen, die Eis-Hosen und das Feuer verbinden sich. Es ist, als ob das Stück einfriert und wieder auftaut. Für mich ist das etwas ganz neues.

Der Abend hat auch eine ganz andere Form von Theatralik …

Ja genau. Die kommt natürlich auch durch die Bühne und die Wechselwirkung mit den Bewegungen in diesem Raum. Für mich ist das eine ganz spannende Linie von „Juke Box Heroes“ in seiner Geometrie im Bühnenbild, über die Absurdität von „Drum Dancing“ bis hin zu dieser Konkretheit von „Sand“. Diese Entwicklung macht mir selber großen Spaß.


Aus Assoziationen werden Bilder

Ein Kind „sieht“ die Welt anders als ein Erwachsener. Ein Erwachsener hat mehr Erfahrungen gesammelt, Gedächtnisinhalte angelegt. Die Sinneswahrnehmungen werden im Gehirn intensiver und vor allem reichhaltiger mit früheren Erfahrungen gekoppelt, eingeordnet, gespeichert.

Das heißt aber nicht, dass ein Kind weniger „sehen“ kann als ein Erwachsener. Kinder speisen ihre Vorstellungen und Deutungen stärker aus freier Phantasietätigkeit bzw. aus Verknüpfungen mit Gehörtem, Gelesenem usw. als Erwachsene, die durch Vor-Urteile und vorgegebene Denkmuster beeinflusst sind. Ein Kind kann also genau so reich und vielfältig, meist viel freier – das heißt nicht an logische Schlussfolgerungen gebunden – assoziieren als ein Erwachsener. Ausgeprägte Phantasie und das kreative Vermögen, Ungewöhnliches miteinander zu verknüpfen, verstärken die Assoziationslust erheblich.

Das vielseitige und reiche Assoziieren erweist sich als eine wesentliche Komponente und Voraussetzung jeglichen kreativen Tuns, das als Hervorbringung neuer Denk- und Handlungsergebnisse definiert wird. Experimentell-spielerisches Kombinieren und Verknüpfen von Wahrnehmungen und Vorstellungen führt zu neuen ungeahnten Möglichkeiten.

Die Erinnerung und Vorstellung eines gespeicherten Sinneseindruckes durch assoziierendes Wahrnehmen kann einen einzelnen Klang, einen ganz speziellen Duft, ein einziges Wort, ein bestimmtes Ding oder eine isolierte Farbform betreffen. Häufiger kommt es jedoch zu sehr komplexen Vorstellungen in Form von Ahnungen, erinnerten Situationen, Empfindungen und Atmosphären, die aus mehreren zusammengehörigen und auch gemeinsam abgespeicherten Sinnesreizen bestehen. Durch das Realisieren, das „Aufleben lassen“ einer Assoziation können immer wieder neue entstehen: das Erzeugen von Assoziationsketten oder –netzen zu einem Thema, an dem mehrere Menschen beteiligt sein können, ist uns als kreative Methode des Brainstormings bekannt.


Wie Sand am Meer?

Cordelia Chaton und Sarah Janczura

„Wie Sand am Meer“, ist eine Umschreibung für etwas, das in großer Menge vorhanden ist. Aber der Sand wird weniger. Ein Kampf ist um ihn entbrannt.

Diese Sucht nach Sand hat viele Gründe: Da ist zum einen der internationale Bauboom, zu anderen der Einsatz von Sand in Beton, aber auch Handys, Kosmetik und PC-Chips bis hin zur Glasflasche: Sand umgibt uns in vielen Formen. Besonders gefragt ist er da, wo das Wirtschaftswachstum groß ist.

Vor den Küsten von Tanger und Casablanca in Marokko sind die feinen Sandstrände teilweise zu mondähnlichen Kraterlandschaften mutiert. Auch hier hat die Sand-Mafia zugeschlagen, um Material für den Hotelbau zu holen. Aber wer will ein Hotel ohne Strand?

Der französische Forscher Eric Chaumillon von der Universität La Rochelle und dem Centre National des Recherches Scientifiques (CNRS) hält vier Entwicklungen verantwortlich für das Verschwinden der Strände.

„Zum einen steigt durch den menschlichen Eingriff das Meer. Es gibt durch den Klimawandel mehr Stürme, die die Küsten schädigen. Und der massive Bau von Flussdämmen über 15 Metern – 900 pro Jahr zwischen 1951 und 1982 – erhöht die Fließgeschwindigkeit und versperrt dem Sand den Weg zum Meer. Der wilde Sandabbau tut ein Übriges.“

Doch der Sandhunger der Schwellen- und Industriestaaten ist schlimmer als alle natürlichen Phänomene: „Zurzeit wird so viel Sand entnommen, wie alle Flüsse der Welt in einem Jahr produzieren“, so Chaumillon. In seiner Disziplin hat sich ein neuer Begriff durchgesetzt: anthroposcene. „Es bedeutet, dass der Mensch zum ersten Mal mehr Einfluss hat als die Natur.“

Sand wird nicht nur entnommen, um zu bauen, sondern auch, um Strände aufzuschütten und so den Tourismus zu retten. Europa steht nicht zurück. Italien beispielsweise fürchtet um die Erosion seiner 490 Kilometer langen Küste, schüttet massiv auf und baut Barrikaden. Aber das kann auch daneben gehen, wie die die Erfahrung von Waikiki Beach auf Hawaii zeigt: Wenn der aufgeschüttete Sand feinkörniger ist, fegt ihn der nächste Sturm ins Meer. Dort sollte der Strand von 520 Meter Länge nach Plänen aus dem Jahr 2010 seine Breite aus dem Jahr 1985 zurückerhalten. Aber der neu aufgeschüttete Sand blieb nicht liegen.

In der Bretagne sind die Anwohner nicht grundsätzlich gegen die Nutzung des Sandes. „Aber an Land gibt es eine gesetzliche Verpflichtung, nach der Sandentnahme wieder den ursprünglichen Zustand einer Landschaft herzustellen. Unter Wasser gibt es die nicht“, gibt Alain Bidal zu bedenken. Er gehört den Mitgliedern des Kollektivs ,peuple des dunes’ an, das sich gegen die Nutzung der Sanddüne gegründet hat. Im April haben sie drei Europa-Abgeordneten eine Petition überreicht und hoffen nun, dass Sand ebenso ein politisches Thema wird wie Wasser.

Quelle: https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/umwelt/der-sandverbrauch-fuehrt-raubbau-an-natur/


Unser Haus brennt

Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2019 von Greta Thunberg

Unser Haus brennt. Ich bin hier, um zu sagen, dass unser Haus brennt. Nach Angaben des Weltklimarats sind wir weniger als 12 Jahre von dem Punkt entfernt, an dem unsere Fehler nicht mehr rückgängig zu machen sind. In diesem Zeitraum werden beispiellose Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft stattgefunden haben müssen – einschließlich einer Reduzierung unserer CO2-Emissionen um mindestens 50 Prozent.

An Orten wie Davos erzählen die Menschen gerne Erfolgsgeschichten. Aber ihr finanzieller Erfolg hat einen unvorstellbar hohen Preis. Und beim Klimawandel müssen wir erkennen, dass wir gescheitert sind. Alle politischen Bewegungen in ihrer jetzigen Form sind gescheitert. Und die Medien sind darin gescheitert, ein breites öffentliches Bewusstsein zu schaffen. Aber der Homo sapiens ist noch nicht gescheitert. Ja, wir machen weiter Fehler. Aber es bleibt noch Zeit, alles zu verändern. Wir können unsere Versäumnisse immer noch in Ordnung bringen.

Aber was tun wir, wenn es keinen politischen Willen gibt? Was tun wir, wenn die notwendige Politik nirgendwo in Sicht ist? Hier in Davos – wie überall – reden alle über Geld. Es scheint, dass Geld und Wachstum unsere einzigen wirklichen Anliegen sind.

Erwachsene sagen immer wieder: „Wir sind es den jungen Leuten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben.“ Aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich will nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich will eure Panik. Ich möchte, dass ihr die Angst spürt, die mich jeden Tag begleitet. Und dann will ich, dass ihr handelt.

Ich möchte, dass ihr so handelt, wie ihr es in einer Krise tun würdet. Ich möchte, dass ihr so handelt, als ob unser Haus in Flammen steht. Denn so ist es.

Quelle: Greta Thunberg, Our House is On Fire. Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2019.


Wir danken der Firma owayo GmbH, Regensburg für ihre Unterstützung.



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