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Paul Hindemiths Kammermusik Nr. 1 op. 24 / 1

Werkbeschreibung: Avantgarde und Provokation

Paul Hindemith schrieb seine Kammermusik Nr. 1 op. 24 Nr. 1 im Jahr 1921, am Ende einer äußerst produktiven Experimentierphase, während der er seinen ganz eigenen Stil entwickelte. Berührungsängste zwischen sogenannter U- und E-Musik gab es bei ihm grundsätzlich nicht: „Können Sie auch Foxtrotts, Rags und anderen Kitsch gebrauchen? Wenn mir keine anständige Musik mehr einfällt, schreibe ich immer solche Sachen“, so Hindemith in einem Brief an seinen Musikverleger. Die große Offenheit gegenüber ganz unterschiedlichen Musikstilen liegt in der Kindheit des Komponisten begründet: Paul Hindemith war der Sohn eines Handwerkers aus Hanau, der selbst gern Musiker geworden wäre und seine drei Kinder einem gnadenlosen musikalischen Drill unterwarf. Als „Frankfurter Kindertrio“ schickte er Paul, den Ältesten, zusammen mit seiner Schwester Toni und dem Bruder Rudolf auf die Dörfer. Bereits damals wie auch später als Geiger in Kurkapellen kam der junge Hindemith mit allen musikalischen Genres in Kontakt und blieb ihnen zeitlebens verbunden, der klassischen Musik ebenso wie der Unterhaltungs- und Gebrauchsmusik.

Die Kammermusik nimmt im Schaffen des ausgezeichneten Geigers und Bratschisten Paul Hindemith generell einen großen Raum ein. Besonders in den 1920er-Jahren wollte er in Abgrenzung zur Spätromantik keine Werke für großes Orchester komponieren. Dies mag nicht ausschließlich ästhetische, sondern auch wirtschaftliche Gründe gehabt haben: Nach dem Ersten Weltkrieg und inmitten der Inflation konnte es sich kaum ein Konzertunternehmer leisten, die groß besetzten Werke der Vorkriegsjahre aufzuführen. Die Avantgarde der Zwanziger Jahre setzte jedenfalls häufig auf radikal reduzierte und nicht selten höchst ungewöhnliche Besetzungen, wie etwa Hindemith in der heute auf dem Programm stehenden Kammermusik: Flöte, Klarinette, Fagott, Trompete, Akkordeon, Klavier, Streichquintett und Schlagzeug. Jazzige Elemente und Lust an Parodie und Provokation prägen die Komposition. Der radikalste vierte Satz ist mit „Finale 1921“ überschrieben. In ihm zitiert Hindemith nicht nur den damals populären Foxtrott „Fuchstanz“ eines gewissen Wilm-Wilm, sondern bringt ein Instrument zum Einsatz, das seitens der konservativen Kritik als pure Provokation empfunden werden musste: eine Sirene. Bei den „Donaueschinger Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst“ fand am 31. Juli 1922 unter der Leitung von Hermann Scherchen die Uraufführung von Hindemiths Kammermusik Nr. 1 op. 24 / 1 statt. Der Komponist widmete sie „Seiner Durchlaucht, dem Fürsten v. Fürstenberg“ und damit dem Protektor der Donaueschinger Veranstaltungen.

Bescherte bereits im Vorjahr die Donaueschinger Aufführung des Streichquartetts op. 16 Hindemith einen großen Durchbruch, so machte ihn die Uraufführung seiner Kammermusik Nr. 1 op. 24 / 1 zum führenden Komponisten seiner Generation. Für viele war er allerdings von nun an das enfant terrible der zeitgenössischen Musikszene. So wetterte der Kritiker Alfred Heuss: „Es ist erreicht! Der modernen deutschen Musik ist es endlich gelungen, das heutige Leben dort zu fassen, wo es sich am frivolsten und gemeinsten austobt. Der dieses ‚Wunder‘ zustande brachte, ist der Komponist Paul Hindemith in seiner Kammermusik op. 24 Nr. 1. Man steht einer Musik gegenüber, wie sie zu denken, geschweige zu schreiben, noch nie ein deutscher Komponist von künstlerischer Haltung gewagt hat, einer Musik von einer Laszivität und Frivolität, die nur einem ganz besonders gearteten Komponisten möglich sein kann.“

Hindemith präsentierte mit dieser draufgängerischen, übermütigen Virtuosenmusik „die Negation des Kammermusikalischen als Kammermusik“ (Giselher Schubert). Er selbst konnte die Aufregung über sein Werk auch in späteren Jahren nicht nachvollziehen: „Man fragt sich, was die Leute damals an diesem Stück so aufgeregt hat. Es ist gar nicht schlecht gemacht und hat außer seinen harmonischen und melodischen Kinderkrankheiten wirklich nichts an sich, was ein harmloses Gemüte kränken könnte.“

Bild 1: Paul Hindemith im Jahre 1923, © Hindemith-Institut, Lizenz GFDL
Bild 2: Amar-Quartett 1922, v. l. n. r.: Maurits Frank, Licco Amar, Walter Caspar und Paul Hindemith


Paul Hindemith – zur Person

Paul Hindemith kam 1895 in Hanau in ärmlichen Verhältnissen als ältestes von drei Geschwistern zur Welt. Bereits früh förderte der ehrgeizige Vater die musikalische Begabung seiner Kinder. So war Paul Hindemith ab 1909 Violinschüler von Adolf Rebner sowie ab 1912 Kompositionsschüler von Arnold Mendelssohn und Bernhard Sekles am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main. 1915 wurde er Konzertmeister am Frankfurter Opernhaus. Im gleichen Jahr fiel sein Vater im Ersten Weltkrieg, er selbst wurde 1917 eingezogen: „Im ersten Weltkrieg war ich als Soldat Mitglied eines Streichquartetts, das dem Obersten unseres Regiments ein Mittel war, den gehassten Kriegsdienst zu vergessen [...] Er war ein großer Musikfreund und ein Kenner und Verehrer französischer Kultur. Kein Wunder darum, dass es sein höchster Wunsch war, Debussys Streichquartett zu hören. Wir studierten das Stück und spielten es mit großer Rührung in einem Privatkonzert für ihn. Als wir den langsamen Satz beendet hatten, kam der Offizier, der den Nachrichtendienst leitete, bestürzt ins Zimmer und berichtete, dass soeben Debussys Tod durchs Radio gekommen sei. Wir spielten nicht zu Ende.“

Ab April war Paul Hindemiths Einheit in Nordfrankreich und Belgien stationiert, wo er die Gräuel des Krieges erlebte. Am 5. Dezember 1918 wurde er aus dem Militärdienst entlassen.

1919 nahm Hindemith seine rege Musizier- und Kompositionstätigkeit in Frankfurt am Main wieder auf. Am 2. Juni desselben Jahres fand ein erster Kompositionsabend ausschließlich mit seinen Werken im Frankfurter Saalbau statt. Hindemith wurde als Komponist einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und der Schott-Verlag beschloss, von nun an seine Werke herauszugeben. In den Jahren 1919 bis 1921 vollendete der Komponist sein Einakter-Triptychon „Mörder, Hoffnung der Frauen“ op. 12 (1919), „Das Nusch-Nuschi“ op. 20 (1920) und „Sancta Susanna“ op. 21 (1921): Die Uraufführungen sorgten für einen Skandal.

Während der Vorbereitungen zu den „Donaueschinger Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst“ kam es 1921 zur Gründung des Amar-Quartetts mit Hindemith als Bratscher. Das Ensemble verschrieb sich der Aufführung zeitgenössischer Werke und blieb bis 1929 in nahezu unveränderter Besetzung bestehen.

1922 rief Hindemith gemeinsam mit Reinhold Merten in Frankfurt die „Gemeinschaft für Musik“ ins Leben – ein Projekt mit ähnlichen Zielen wie Arnold Schönbergs „Verein für musikalische Privataufführungen“ in Wien. Im Gründungsmanifest hieß es. „Wir sind überzeugt, dass das Konzert in seiner heutigen Form eine Einrichtung ist, die bekämpft werden muss, und wollen versuchen, die fast verloren gegangene Gemeinschaft zwischen Ausführenden und Hörern wieder herzustellen [...] Irgendwelcher nationale oder persönliche Ehrgeiz wird ausgeschaltet bleiben. Die Namen der Ausführenden werden nicht bekannt gegeben [...] Die Veranstaltungen werden nicht in den Zeitungen kritisiert.“ Das Konzept sah unter anderem vor, dass Musiker ohne Geld spielen und die Kosten für Noten oder Instrumentenmiete gemeinschaftlich von Publikum und Musikern aufgebracht werden sollten. Außerdem durften nur geladene Gäste den Aufführungen beiwohnen.

1923 wurde Hindemith Mitglied des Programmausschusses der Donaueschinger Musiktage. Er bezog gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester Toni den Kuhhirtenturm in Frankfurt. Nach der Hochzeit 1924 zog auch seine Frau Gertrud Hindemith, geborene Rottenberg, dort ein. Im Jahr 1927 folgte Hindemith dem Ruf an die Staatliche Hochschule für Musik nach Berlin als Professor für Komposition. Im Dezember reist er zum ersten Mal in die UdSSR.

In den Folgejahren unterrichtete und komponierte Hindemith nicht nur, sondern ging auch verstärkt als Solist (Bratsche, Viola d'amore) auf Konzertreisen. Durch die Kulturpolitik der Nationalsozialisten verringerten sich ab 1933 seine Auftrittsmöglichkeiten in Deutschland. Hindemiths Kompositionen wurden vermehrt als „kulturbolschewistisch“ bezeichnet und aus den Konzertprogrammen genommen.

Am 12. März 1934 wurde die Sinfonie „Mathis der Maler“ mit überwältigendem Erfolg in einem Konzert der Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler uraufgeführt. Im November veröffentlichte Furtwängler in der „Allgemeinen Deutschen Zeitung“ den Artikel „Der Fall Hindemith“, in dem er sich demonstrativ für den Komponisten einsetzte: „Sicher ist, daß für die Geltung deutscher Musik in der Welt keiner der jungen Generation mehr getan hat als Paul Hindemith. […] darüber müssen wir uns klar sein: wir können es uns nicht leisten, angesichts der auf der ganzen Welt herrschenden unsäglichen Armut an wahrhaft produktiven Musikern, auf einen Mann wie Hindemith so ohne weiteres zu verzichten.“ Am 6. Dezember 1934 antwortete Joseph Goebbels mit der Rede im Berliner Sportpalast, in der er Hindemith als „atonalen Geräuschemacher“ diffamierte. Studenten der Berliner Musikhochschule, unter ihnen Elisabeth Schwarzkopf, legten Solidaritätslisten für Hindemith aus, der selbst von den Angriffen tief betroffen war. Im Februar 1935 ließ er sich von der Berliner Musikhochschule beurlauben. Zum ersten Mal reiste er in diesem Jahr in die Türkei, um dort das Konzertleben nach westlichem Vorbild aufzubauen und vermittelte zahlreiche jüdische Musiker in das Land, denen er auf diese Weise das Leben rettete.

1937 kündigte Hindemith endgültig in Berlin, reiste weitere Male in die Türkei und begab sich auf eine Tournee durch die USA.

Im September 1938 übersiedelten die Hindemiths zunächst nach Bluche in der Schweiz. Von dort aus brach Paul Hindemith erneut zu einer Tournee durch die USA auf. Im Februar 1940 emigrierte er in die USA und folgte einem Ruf an die Yale University in New Haven. Im September reiste Gertrud Hindemith ihrem Mann in die neue Heimat nach. Die amerikanische Staatsbürgerschaft nahmen die Hindemiths erst nach Ende des 2. Weltkrieges an.

Die erste Deutschlandreise nach dem Krieg unternahm das Ehepaar Hindemith von April bis September 1947. Bei dieser Gelegenheit sah Hindemith ein letztes Mal seine Mutter wieder, die zwei Jahre später verstarb. 1949 absolvierte er im Auftrag der amerikanischen Militärregierung eine Vortragsreise durch Deutschland und wurde zum Dr. h.c. der Universität Frankfurt ernannt. 1953 nahm Hindemith Abschied von New Haven und zog in die Schweiz, um die Professur für Musiktheorie und Musikwissenschaft an der Universität Zürich anzutreten. Von 1953 bis 1963 unternahm er als Dirigent eigener Werke zahlreiche Konzertreisen. 1957 gab er seine Lehrtätigkeit an der Universität Zürich auf, reiste aber nach wie vor für Vorträge und Konzerte durch Europa. Am 28. Februar 1963 starb Paul Hindemith in Frankfurt.

LINKTIPP: www.hindemith.info – Seite der Hindemith-Stiftung zu Leben und Werk (u.a. sind auch einige von Hindemiths Zeichnugnen und Karikaturen zu sehen) und der Arbeit der Stiftung


Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur

Enstehungs- und Aufführungsgeschichte

„So! Mein Werk ist fertig! Jetzt möchte ich Dich neben meinem Klavier haben und es Dir vorspielen! Wahrscheinlich bist Du der einzige, dem darin an mir nichts neu sein wird; die anderen werden sich wohl über manches wundern! Es ist so übermächtig geworden – wie es aus mir wie ein Bergstrom hinausfuhr! Heuer im Sommer sollst Du hören! Wie mit einem Schlag sind alle Schleußen mir geöffnet.“

Diese euphorischen Zeilen schrieb Gustav Mahler im März 1888 an seinen Freund Friedrich Lohr. Gerade hatte er seine erste Sinfonie vollendet und sich damit zum ersten Mal auf das Terrain der Instrumentalmusik gewagt. Bereits in diesem Werk zeigt sich die unverwechselbare Handschrift des Komponisten. So ist Mahlers 1. Sinfonie „ein Erstlings- aber kein Anfangswerk. Es zeigt die Persönlichkeit des 28jährigen in klarer Ausprägung aller wesenseigenen Züge. Vermittelnde Einschätzung ist diesem Werk gegenüber unmöglich. Es bleibt nur die Wahl zwischen Zustimmung und Ablehnung.“ (Paul Bekker).

Begonnen hatte Gustav Mahler mit der Arbeit an seiner ersten Sinfonie vermutlich zwischen 1883 und 1884. Damals war er Kapellmeister in Kassel und unsterblich verliebt in Johanna Richter, eine junge Sopranistin, die seine Gefühle jedoch nicht erwiderte. Der Komponist verarbeitete diese bittere Erfahrung in vier selbstverfassten Gedichten, die er zu einem Zyklus vertonte: „Lieder eines fahrenden Gesellen“. In seiner parallel begonnenen ersten Sinfonie griff Mahler auf Ideen aus dem Liedzyklus zurück. So zitierte er im ersten Satz das Lied „Ging heut‘ morgen übers Feld“ und im dritten Satz „Die zwei blauen Augen“, daraus die Zeile „Auf der Straße steht ein Lindenbaum“. Die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ werden in dieser Spielzeit von Mezzosopranistin Vera Semieniuk und dem Ensemble KlangFormation Regensburg unter Břetislav Hera voraussichtlich am 17. April 2021 zu hören sein.

So selbstbewusst und euphorisch sich Mahler im oben zitierten Brief an Friedrich Lohr über seinen sinfonischen Erstling äußerte, so gespalten blieb sein Verhältnis zu diesem Werk. Dies zeigt sich in zahlreichen späteren Umarbeitungen und darin, dass er lange Zeit die Bezeichnung „Sinfonie“ vermied. Bei der Budapester Uraufführung, die der Komponist selbst leitete, hieß das Werk noch „Symphonische Dichtung in zwei Teilen“ und hatte fünf Sätze. Für die zweite Aufführung am 27. Oktober 1893 in Hamburg versah Mahler sein Opus mit dem Titel „Titan“ (nach dem gleichnamigen Roman von Jean Paul) sowie mit ausladenden Programmtiteln, ganz so als wolle er dem Publikum die Handlung seiner Sinfonie erklären:

7. „Titan“, eine Tondichtung in Symphonieform
1. Theil „Aus den Tagen der Jugend“, Blumen-, Frucht- und Dornstücke.
I. „Frühling und kein Ende“ (Einleitung und Allegro comodo)
Die Einleitung stellt das Erwachen der Natur aus langem Winterschlaf dar
II. „Blumine“ (Andante)
III. „Mit vollen Segeln“ (Scherzo)
2. Theil „Commedia humana“
IV. „Gestrandet!“ (ein Todtenmarsch in „Callot‘s Manier“)

Zur Erklärung dieses Satzes diene Folgendes: Die äussere Anregung zu diesem Musikstück erhielt der Autor durch das in Österreich allen Kindern wohlbekannte parodistische Bild: „Des Jägers Leichenbegängniss“, aus einem alten Kindermärchenbuch: Die Thiere des Waldes geleiten den Sarg des gestorbenen Jägers zu Grabe; Hasen tragen das Fähnlein, voran eine Capelle von böhmischen Musikanten, begleitet von musicierenden Katzen, Unken, Krähen etc., und Hirsche, Rehe, Füchse und andere vierbeinige und gefiederte Thiere des Waldes geleiten in possirlichen Stellungen den Zug. An dieser Stelle ist dieses Stück als Ausdruck einer bald ironisch lustigen, bald unheimlich brütenden Stimmung gedacht, auf welche dann sogleich

V. „Dall’ Inferno” (Allegro furioso)
folgt, als der plötzliche Ausbruch der Verzweiflung eines im Tiefsten verwundeten Herzens.

Für die vierte Aufführung am 16. März 1896 in Berlin erschien das Werk mit der schlichten Bezeichnung „Sinfonie in D-Dur“. Mahler hatte sowohl die Bezeichnung „Titan“ als auch die programmatischen Titel wieder zurückgezogen, da er „erlebt habe, auf welch falsche Wege hiedurch das Publikum geriet“, wie er das Ehepaar Blaukopf schrieb. Die Zählung „Symphonie Nr. 1“ kam erst bei der Drucklegung 1899 im Wiener Verlagshaus Josef Weinberger zum Tragen. Hierfür überarbeitete Mahler die Instrumentation und strich den ursprünglichen zweiten Satz „Blumine“.

Bild: Gustav Mahler, 1892; Foto: Leonhard Berlin-Bieber; Quelle: Kohut, Adolph (1900) "Gustav Mahler" in Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit (Volume 1 ed.), Leipzig, Germany: Druck und Verlag von A. H. Payne, pp. p. 143 Retrieved on 15 July 2009.

 


Die Bearbeitung für Kammerorchester von Klaus Simon

Bereits seine erste Sinfonie trägt alle typischen Elemente der Mahler’schen Musiksprache in sich: Melodien, die Volksliedern entsprungen sind, ironische Verfremdung, collageartige Schichtung von Motiven und naturlautmalerische Passagen. Dieser typische ‚Mahler-Ton‘ des Werks wird heute Abend auf neue Weise in einer höchst reizvollen Bearbeitung für Kammerochester zur Geltung kommen. Erstellt hat sie der Freiburger Dirigent, Pianist und Arrangeur Klaus Simon.

Für GMD Chin-Chao Lin, der sich als Student intensiv mit Mahlers erster Sinfonie  auseinandergesetzt hat, galt es in den Proben zum 1. Sinfoniekonzert dieser Saison ein sehr vertrautes Werk neu kennenzulernen:

„Der Klang ist natürlich ein ganz anderer. Wir haben kein großes Orchester zur Verfügung, da wir das in Corona-Zeiten einfach nicht dürfen. Dennoch ist Mahlers Stil in diesem Arrangement in keiner Weise verlorengegangen, im Gegenteil. Texturen in der Partitur treten auf bisher ‚unerhörte‘ Art hervor. Schon als Student war ich fasziniert von den kammermusikalischen Bearbeitungen großer Sinfonien, die für Arnold Schönbergs „Verein für musikalische Privataufführungen“ entstanden. Zu den dort gespielten Komponisten zählte natürlich auch Gustav Mahler mit seiner vierten Sinfonie. Mich hat sehr interessiert, wie man damals vorgegangen ist, wie man instrumentiert und damit den Klang verändert hat. Natürlich habe ich auch selbst ähnliche Bearbeitungen erstellt oder – andersherum – Klavierwerke intrumentiert. Das gehört zur Grundausbildung eines Dirigenten, man muss die Farben der Instrumente kennen. In diesem Zusammenhang kam ich auch in Kontakt mit den Bearbeitungen von Klaus Simon. Mich mit ihnen auseinanderzusetzen, war für mich ein sehr effektives Studium der Instrumentation.“

Klaus Simon über seine Bearbeitung von Mahlers Sinfonie Nr. 1 D-Dur:

„Gustav Mahlers Symphonien in der Besetzung für Kammerorchester bzw. Kammerensemble? Ist das nicht ein Sakrileg, eine Unmöglichkeit? Lebt denn Mahlers sinfonisches Schaffen nicht auch gerade durch seine einzigartige Instrumentationskunst und seine Klanggewalt?
Sicher, aber jede gute Musik funktioniert auch in anderer klanglicher Gestalt. Das wusste jedenfalls Arnold Schönberg, als er 1918 den „Verein für musikalische Privataufführungen“ in Wien gründete. Der Verein wollte mittels hoher idealistischer Ziele „Klarheit“ vor allem über zeitgenössische Werke vermitteln und sie mustergültig im privaten Rahmen zur Aufführung bringen. In den drei Jahren seiner Existenz wurden einige zeitgenössische Orchesterwerke von Schönberg selbst, Alban Berg, Anton Webern, Erwin Stein, Hanns Eisler u. a. für Kammerensemble arrangiert und aufgeführt.
Schönbergs Postulat war die Essenz dieser im Original groß besetzten Werke in schlankem Klanggewand zu überprüfen. Dabei entstand so etwas wie eine Standardbesetzung: Flöte, Klarinette, manchmal Oboe, Harmonium, Klavier, Streichquartett und Kontrabass.
Diese Tradition im Bewusstsein wissend machte ich mich 2007 an das Arrangement von Mahlers 4. Symphonie, seinem sicher kammermusikalischstem Beitrag zu dieser Gattung. Erwin Stein orientierte sich in seiner Version sehr an der genannten Standardbesetzung. Ich selbst vermisste dabei vor allem das Horn und das Fagott, wollte mehr Farben, mehr Fülle. Dabei versuchte ich mich sehr am Original zu orientieren. Die beiden Tasteninstrumente Harmonium (gerne auch als Alternative mit Akkordeon) und Klavier, eigentlich Fremdkörper im Mahlerschen Originalklangbild, eignen sich dabei sehr gut, um Strukturen zu unterstützen, fehlende Harmonietöne zu ergänzen oder fehlende Register zu ermöglichen.
Mahlers 1. Symphonie ist im Original von der Anlage her schon größer besetzt und sinfonischer dimensioniert als seine 4. Symphonie. Deswegen ist mein Arrangement nun etwas üppiger als das der Vierten ausgefallen, hinzu kommen nun eine weitere Klarinette (auch Bassklarinette), ein zweites Horn und eine Trompete in B.“

 


Werkbeschreibung

Über den Beginn des ersten Satzes in D-Dur schreibt Gustav Mahler: „Mit dem ersten Tone, dem lang ausgehaltenen Flageolett-A, sind wir mitten in der Natur: im Walde, wo das Sonnenlicht des sommerlichen Tages durch die Zweige zittert und flimmert.“ Nach einer ausgedehnten langsamen Einleitung, in der verschiedene Motive wie etwa Fanfaren, Kuckucksrufe und vor allem das konstituierende Intervall der absteigenden Quart vorgestellt werden, setzt die Exposition ein, die die Spielvorschrift „Wie ein Naturlaut“ trägt. Sie behandelt nur ein einziges Thema, das Mahler seinem Lied „Ging heut morgen übers Feld“ aus dem Zyklus „Lieder eines fahrenden Gesellen“ entlehnt hat.

Der zweite Satz in A-Dur gibt sich vor allem tänzerisch und stellt sich zunächst als derber Ländler dar, der Elemente österreichischer Volksmusik aufgreift. Einen starken Kontrast zu diesem anfänglichen „Bauerntanz“ (Willem Mengelberg) bildet ein zartes Trio mit viel Walzerseligkeit.

Der dritte Satz (d-Moll) knüpft an die Tradition des Trauermarsches an. Im Grunde steht aber die Parodie der Trauer und das Groteske im Mittelpunkt. Für das Marschthema zieht Mahler den bekannten Kanon „Bruder Jakob“, der nach Moll gewendet allerdings seines ursprünglichen Charakters beraubt ist. Ein einzelner Kontrabass stellt die Melodie vor. Über dem Ostinato einer pendelnden Quart türmt sich die dunkle Melodie zum Kanon auf. Dann wird der Zuhörer plötzlich in eine ganz andere musikalische Sphäre versetzt: Grelle Jahrmarktsmusik erklingt. Später eröffnet sich noch eine dritte, wiederum gegensätzliche Welt: eine ruhige Traumepisode in G-Dur mit einer zarten Melodie, die Mahler wiederum aus seinen „Liedern eines fahrenden Gesellen“ entlehnt hat. Fast notengetreu übernahm er die letzte Strophe des vierten Liedes „Die zwei blauen Augen“. Von Ruhe und Vergessen eines unglücklich Liebenden ist im Lied die Rede, in der Sinfonie entspricht dies dem Vergessen der Trauermarschszene. Doch dann kehrt der Trauermarsch mit einer abrupten Rückung nach es-Moll zurück. Anstoß zu dem Nachtstück gab ein Kindermärchenbild Moritz von Schwinds, auf dem eine düster-groteske Szene zu sehen ist: Die Tiere des Waldes tragen den toten Jäger zu Grabe.

„Mit einem entsetzlichen Aufschrei beginnt, ohne Unterbrechung an den vorigen, der letzte Satz“, so Mahler über das Finale seiner ersten Sinfonie, den längsten und gewichtigsten Satz des Werks. Die Idee der Sonatensatzform ist nur noch rudimentär erhalten. Haupt- und Seitenthema stehen schroff und unvereinbar nebeneinander: Wird man zunächst in die extreme Musiksprache eines f-Moll-Themas förmlich hineingeworfen, steht diesem später unvermittelt die Traumsphäre eines Des-Dur-Themas gegenüber, die allerdings eher den Charakter einer lyrischen Episode hat. Zahlreich sind die Rückbezüge auf das musikalische Material des ersten Satzes. Die Aufgabe dieser Rückblenden besteht darin, die finale Steigerung vorzubereiten, den sogenannten „Durchbruch“ (Theodor W. Adorno). Diese Wendung vollzieht sich in drei Anläufen, dann endet Mahlers Erste in strahlendem D-Dur.


Gustav Mahler – zur Person

Gustav Mahler kam am 7. Juli 1860 als zweites von vierzehn Kindern im böhmischen Dorf Kalischt auf die Welt. Seine Mutter Marie, die an einer Herzkrankheit litt, stammte aus einer gutbürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie. Sein Vater Bernhard wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf, aus denen er sich ehrgeizig emporarbeitete. „Sie paßten so wenig zusammen wie Feuer und Wasser. Er war der Starrsinn, sie die Sanftmut selbst“, so Mahler über seine Eltern. Kurz nach Gustav Mahlers Geburt zog die Familie ins mährische Iglau, in die damals neben Brünn zweitgrößte Stadt Mährens. Dort besuchte Mahler die Grundschule und das Gymnasium. Bereits als Zweijähriger hatte er eine ungewöhnliche musikalische Begabung an den Tag gelegt, die vom Vater entschlossen gefördert wurde. Im Alter von 15 Jahren absolvierte Gustav Mahler die Aufnahmeprüfung am Wiener Konservatorium, wo er von 1875 bis 1878 studierte und mit ersten Preisen für Komposition und Klavierspiel abschloss. Unter seinen Mitschülern befand sich Hugo Wolf; mit Anton Bruckner befreundete er sich und erstellte den Klavierauszug zu dessen 3. Sinfonie. 1880 begann Mahlers Laufbahn als Konzert- und Operndirigent – in der „Theaterhölle“, wie er selbst sarkastisch bemerkte. Über Engagements in Ljubljana, Olmütz, Kassel, Prag, Leipzig und Budapest – hier die Uraufführung seiner Sinfonie Nr. 1 – führte ihn seine Karriere 1891 nach Hamburg, wo er für sieben Jahre Musikdirektor des Stadttheaters und Nachfolger von Hans von Bülow wurde. Dort leitet Mahler 1892 die deutsche Erstaufführung von Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ und zwar „im Beisein des höchst zufriedenen Komponisten“. In dieser Zeit entstanden der Liederzyklus „Des Knaben Wunderhorn“ sowie die 2. und 3. Sinfonie. Bereits 1897 erreichte Mahler eine der angesehensten künstlerischen Positionen im europäischen Musikleben: Er wurde im Mai zunächst zum Dirigenten, dann im Oktober zum Direktor der Wiener Hofoper berufen. Da Mahler mit 38 Jahren relativ jung für diese Position war und außerdem jüdische Wurzeln hatte, begegnete ihm das Wiener Publikum zunächst mit Skepsis. In Wien leistete Mahler in den nächsten zehn Jahren gemeinsam mit dem Bühnenbildner Alfred Roller und unter Assistenz von Bruno Walter grundlegende Reformarbeit, was Opern- und Konzertaufführungen anbelangte. Mahlers erklärtes Ziel war es, nicht „schöne, wohlklingende, sondern richtige Aufführungen“ (Rudolf Stephan) zu realisieren. Es kam zu exemplarischen Darbietungen unter anderem der Opern Mozarts und Wagners, der Sinfonien Beethovens, aber auch zeitgenössischer Werke. Im November 1901 lernte Mahler im Salon von Wiens renommiertester Kunstmäzenin Berta Zuckerkandl die hochbegabte und umschwärmte Alma Schindler kennen, die er 1902 heiratete – er war 41, Alma 22 Jahre alt.

Mahlers Arbeitsalltag war, um der Doppelbelastung als Dirigent und Komponist standzuhalten, von großer Selbstdisziplin geprägt. Die Ferienmonate verbrachte er in vollkommener Abgeschiedenheit, um seiner kompositorischen Arbeit nachzugehen. Drei Schicksalsschläge prägten das Jahr 1907: Die Ärzte stellten bei Mahler eine unheilbare Herzkrankheit fest. Nach Intrigen, öffentlichen Hetzkampagnen und Streitigkeiten fühlte er sich gezwungen, seinen Posten als Direktor der Wiener Hofoper aufzugeben. In tiefe Verzweiflung stürzte das Ehepaar Mahler der Tod ihrer fünfjährigen Tochter Maria Anna, die am 5. Juli 1907 an Diphterie verstarb.

Mahler verließ Wien und arbeitete in den letzten vier Jahren seines Lebens vor allem an der Metropolitan Opera in New York. Das Jahr 1910 bildete durch die von ihm selbst geleitete Uraufführung seiner monumentalen 8. Sinfonie („Sinfonie der Tausend“) in München den Höhepunkt sowohl seines kompositorischen Schaffens als auch seines Wirkens als Dirigent. Zu den zahlreichen Zuhörern zählten unter anderen Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann und Max Reinhardt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Mahlers schwere Herzkrankheit bereits dramatisch verschlechtert. Trotzdem unternahm er im November 1910 eine Amerika-Reise, auf der er sich eine bakterielle Infektion zuzog und schwer erkrankte. Über Paris wurde der Komponist im Mai 1911 nach Wien transportiert, wo er wenige Tage später starb.

Bild 1: Karikatur „Gustav Mahler dirigiert seine 1. Sinfonie“ von Theo Zasche (ca. 1900)
Bild 2: Alma Mahler-Werfel, vor 1899, unbekannter Autor

 

 

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