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Alles bleibt anders – Alles ist möglich

Das Theater ist ein Ort der Utopie. Es ist der Ort, an den wir kommen, nicht nur um uns vom Alltag ablenken zu lassen, sondern auch um neu zu denken: unser Leben, die Welt, das Sein. Was die Welt nicht kann, das kann sie auf dem Theater. Was der Mensch nicht kann, das kann mensch auf dem Theater. Was noch nicht ist, das ist schon, auf dem Theater. Und so kann auch das Unmöglichste geschehen. Unmöglichkeiten und Utopien finden ihren Weg in die Welt durch das Theater hindurch.Und das ist gut zu wissen. Ganz besonders in Zeiten, in denen es manchmal scheint, als wäre auf nichts Bekanntes und Gekanntes mehr Verlass. Wir können – wie noch vor etwas mehr als einem Jahr – nicht sagen, wie unser Alltag in der kommenden Woche aussehen wird. Wo und wie wir arbeiten. Ob und wie unsere Kinder zur Schule gehen werden. Ob wir unsere Freund:innen umarmen dürfen. Eine Zeit der Unsicherheiten erscheint oft als eine Zeit der Unmöglichkeiten. Gerade deswegen ist es so wichtig zu wissen: Alles bleibt anders. Denn das bedeutet: Alles ist möglich.

Soziale Energie
Das Konzept der „social energy“ wurde von dem Literatur­wissenschaftler Stephen Greenblatt entwickelt und bezeichnet die unsichtbare Verbindung von Publikum und dem Theatergeschehen auf der Bühne. Dabei geht es um einen Austausch, eine Verhandlung von Themen, Gefühlen und Strukturen, die ihrer Zeit spezifisch sind. So finden sich in beispielsweise Shakespeares Stücken sehr viel mehr Aussagen und Wissen über seine Zeit als der Text vordergründig hergibt. Um dem auf den Grund zu gehen, „liest“ Greenblatt eine Zeit in ihrer Ganzheit als „Text“. Er liest Theatertexte parallel zu Gemälden parallel zu religiösen Ritualen parallel zu Essensgewohnheiten und findet so Bedeutung in den Analogien zwischen Dramentexten und alltäglichem Leben; eines bedingt für ihn das andere.Shakespeares Texte waren für Greenblatt ein Spiegel ihrer Zeit, weit über die von uns als zeitlos wahrge­nommenen, dort verhandelten Themen. Warum sollten Theatertexte im Heute nicht auf ähnliche Weise ihre Zeit spiegeln und über sie hinauswachsen können? Ich glaube, dass es gerade in Zeiten der Unsicherheit und der gefühlten Unmöglichkeiten essentiell ist, dass das Theater das Jetzt verhandelt, in seiner kompletten Heutigkeit und Aktualität, bis hinein in die alltäglichsten Details und Bedürfnisse.

Hausautor:innenschaft
Es gilt, unsere Zeit zu sehen und zu schreiben. Sie uns begreiflich zu machen, sie uns möglich zu machen. Dieses Sehen und Schreiben jedoch ist und bleibt Verhandlung. Sowohl zwischen Publikum und Bühne, als auch zwischen den Theaterschaffenden. Es entsteht im Austausch, im Zusammenhalt und -arbeiten. Und eben in diesem Kaleidoskop an Perspektiven findet sich die Rolle der Hausautor:innenschaft an einem Theater. Als Schreibende von Anfang an in einen kollektiven Schaffensprozess involviert zu sein, ist ein großes Geschenk und im deutschen Theaterbetrieb leider immer noch die Ausnahme. Ihren Anfang nimmt diese Arbeitsweise darin, dass eine Idee im Raum steht. Gemeinsam mit dem kreativen Team aus Regie, Dramaturgie und Ausstattung wird dieses Thema, diese Stückidee gewälzt und gedacht: Sie wächst. Sie wächst an und wird Konzept und Geschichte. Sobald die Form weit genug ausgereift ist, ist es die Autor:in, die Gedachtes und Erdachtes in Text wandelt und bannt; um dann mit Spieler:innen und Team immer wieder zu diesem Text zurückzukommen, ihn zu lesen, zu besprechen und umzuschreiben. Diese kollektive Textarbeit ist ein von allen Gewerken getragenes Handwerk und steht im Gegensatz zu dem oft verbreiteten Genieideal, das Autor:innen zugeschrieben wird. Es ist damit auch ein neuer Weg, lebendige Dramatik zu denken und zu etablieren, nämlich sowohl durch Autor:innenschaft als konkreten Theaterberuf am Theater, wie auch als ein Miteinander, getragen von gegenseitigem künstlerischem Respekt. Diese lebendige, kollektiv gedachte Dramatik wird greifbar und erlebbar durch die „soziale Energie“, das Münden in ein Miteinander von Publikum und Bühnengeschehen. So entsteht es: das große Ganze, in dem sich die Möglichkeiten nicht ausschöpfen und Utopie wie Alltagsreali­täten gleichermaßen Raum finden. 

Miteinander statt allein
Wenn die letzten Monate uns eines gelehrt haben, dann, dass man gemeinsam sehr viel mehr erreichen kann als alleine. Es geht daher auch beim Schreiben für das Theater nicht darum, solitär daheim am Schreibtisch zu sitzen, vielleicht aus dem Fenster zu schauen, von oben herab auf die Köpfe Vorbeilaufender, und Geschichten zu ersinnen. Es geht darum, nicht nur den Konsens zu suchen, sondern auch den Dissens. Den Konflikt nicht zu scheuen, gerade in einer Zeit, in der Unmöglichkeiten zu Spaltungen führen. Dies sind ­Spaltungen in der Gesellschaft, die plötzlich sichtbar werden, wenn zum Beispiel Homeschooling und geschlossene Büros die technische Ausstattung und Größe von Wohnräumen politisieren. Dies sind aber auch ­Spaltungen im direkten persönlichen Umfeld, wenn Freund:innen und Familienmitglieder „quer“ denken oder kein gegenseitiges Verständnis für unterschied­liche Lebenssituationen vorhanden ist.Das letzte Jahr hat das Private in den Fokus gerückt, wie selten davor geschehen. Das letzte Jahr hat viele von uns allein gelassen, mit Überforderung oder Einsamkeit. Es hat aber auch Solidarität und Empathie entstehen lassen, wo es vorher nicht von Nöten war. Viele von uns hatten Raum und Zeit, sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu besinnen. Es hat sich etwas verschoben. Und so geht es nicht anders: Alles bleibt anders. Das ist gut. Denn „anders“ heißt hier „miteinander“. „Anders“ heißt auch „möglich“. Es heißt miteinander Dinge möglich machen. Es bedeutet neue Geschichten, die Geschichten unserer Zeit, voneinander zu hören, einander zu erzählen, sie gemeinsam zu erleben und zu formen. Um etwas Neues zu schaffen.

Bruchstücke: bruised. not broken.
So., 8.5.2022 | 19.30 Uhr | Theater am Haidplatz

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