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Puccinis vergessene Oper »Edgar« | Irrweg oder jugendlicher Geniestreich?

Hendrik Müller inszeniert die deutsche szenische Erstaufführung der vorläufig rekonstruierten Urfassung von ›Edgar‹ | ab 28. April 2018 im Theater am Bismarckplatz

von Ruth Zapf, Dramaturgin

Vom Publikum geliebt, von vielen Zeitungen verrissen: Giacomo Puccini taten Kritiker und Musikwissenschaftler immer wieder Unrecht. Seine Oper „Tosca“ bezeichnete Joseph Kerman noch in den 50er Jahren als „schäbiges Melodram“, „La Bohème“ wurde nach der Uraufführung als „oberflächlich“ abgetan. Aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbare Vorwürfe. Besonders hart traf es Puccinis zweite Oper „Edgar“, die bis heute vielen als „Irrweg“ gilt. Höchste Zeit also, einen frischen Blick auf dieses Jugendwerk zu werfen!

Das Theater Regensburg bringt die Oper nun als erstes deutsches Theater in ihrer vorläufig rekonstruierten Urfassung wieder auf die Bühne. Im Mittelpunkt des Stückes, das im Flandern des Jahres 1302 verortet ist, steht der dem Alkohol verfallene Edgar, der sich mit dem engen Dorfleben und der treuen Liebe seiner Verlobten Fidelia nicht zufrieden geben kann. Erst flüchtet er sich mit der Außenseiterin Tigrana in ein ausschweifendes Leben, bald darauf wendet er sich dem anderen Extrem zu: Er geht zum Militär. Als siegreicher Held kehrt er in sein Heimatdorf zurück – doch seine einstmals verzweifelte Suche nach Halt hat sich in zerstörerische Selbstgerechtigkeit gewandelt.

Zugegeben, an dem schlechten Ruf seines „Edgar“ ist der Komponist selbst nicht ganz unschuldig. „Möge Gott dich vor dieser Oper beschützen“, schrieb er an seine Freundin Sybil Seligman, nachdem das Werk bei der Uraufführung 1889 durchgefallen war. Daraufhin nahm Puccini zahlreiche Änderungen vor, verkleinerte die Mezzopartie und strich den gesamten vierten Akt. Eingriffe, mit denen er der Stringenz des Werkes keinen Gefallen tat, zumal gerade der vierte Akt die vielleicht schönsten Melodien der Oper enthält und der weiblichen Hauptrolle Fidelia besondere Tiefe gibt. Lange Zeit war der vierte Akt von „Edgar“ verloren und die dreiaktige Version erschien eher selten auf den Spielplänen – bis 2007 ein Teil der Originalpartitur wiedergefunden wurde und das Werk in Italien wieder in den Fokus rückte.

Hyperrealismus und große Gefühle
Das Regieteam, bestehend aus Hendrik Müller (Regie) und Marc Weeger (Ausstattung), das in der letzten Spielzeit mit großem Erfolg „Freax“ auf die Bühne gebracht hat, kehrt ans Theater Regensburg zurück und zeichnet Edgars Transformation vom Außenseiter zum glühenden Fanatiker in einem dystopischen Zukunftsszenario nach. Dabei nehmen sie als Stärke, was der Oper immer wieder vorgeworfen wurde: das absurd unrealistische Libretto, die übersteigert melodramatische Figurenzeichnung. Regisseur Hendrik Müller beschreibt ihren Zugang so:

›Es wäre falsch, ein tiefenpsychologisch ausgelotetes Seelendrama herbeikonstruieren zu wollen. Das ist sie einfach nicht. Puccinis Oper erzählt in den Strukturen des Groschenromans, der ‚Pulp Fiction‘: Der gewaltige Effekt hat immer Vorfahrt vor der Logik in ‚Edgar‘, und das äußerst wirkungsvoll. Hierin liegt wiederum eine Logik des Erzählens in sich, die der Oper generell eigentlich sehr entgegenkommen sollte.“

Müller und Weeger setzen deshalb auf große Gesten, Hyperrealismus und Kolportage, um den erbarmungslosen Abwärtsstrudel, in den Puccinis Oper alle Akteure nach und nach zieht, zu erzählen.

Weitere Informationen und Termine gibt es hier.

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