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Filmkonzert FINIS TERRAE; Foto: Caporetto Film
Filmkonzert FINIS TERRAE; Foto: Caporetto Film
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Filmkonzert FINIS TERRAE; Foto: Caporetto Film
Filmkonzert FINIS TERRAE; Foto: Caporetto Film
Filmkonzert FINIS TERRAE; Foto: Caporetto Film
Filmkonzert FINIS TERRAE; Foto: Caporetto Film

Regisseur Konstantin Ferstl und Komponist Christoph Zirngibl im Gespräch mit Dramaturgin Kathrin Liebhäuser über den Filmessay „Finis Terrae“

Der Film "Finis Terrae" ist eine weitere Station auf Eurem gemeinsamen künstlerischen und persönlichen Weg. Wie lange kennt Ihr Euch schon?

CZ: Seit ziemlich genau 20 Jahren. Wir waren beide auf derselben Schule und haben uns dort kennengelernt, als Konstantin ein Gedicht für ein Theaterstück rezitieren und ich das ganze auf CD aufnehmen sollte. Letztendlich vertonte ich das Gedicht auch noch musikalisch und schrieb schließlich die komplette Musik für die Inszenierung. Später kam Konstantin mit einem seiner Songtexte auf mich zu: Der erste von vielen gemeinsamen Songs entstand und wir haben in verschiedenen Bands zusammen gespielt.

KF: Daraus hat sich dann eine schöne Parallelität entwickelt: Wir haben später beide in München studiert - Christoph Komposition an der Musikhochschule und ich Regie an der Filmhochschule. Seither hat er alle meine Filme vertont - vom allerersten Kurzfilm bis zum Kinofilm.

"Finis Terrae" - zu deutsch "Ende des Landes" oder "Ende der Welt" - bezeichnet ja eigentlich eine geographische Vorstellung aus vergangenen Zeiten. Was verbirgt sich hinter diesem Filmtitel?

KF: Der Titel vermischt ja auf gewisse Weise Geographie und Zeit. Ich habe eine große Passion für alte Landkarten, die die Begrenztheit der eigenen Weltsicht so sichtbar machen: Da gibt es weiße Flächen mit der Aufschrift "Terra Incognita" oder topographische Sackgassen mit "Finis Terrae". Kartographierter Irrtum, wenn man so will. Und trotzdem war immer jemand bereit, über diese Grenzen der Vorstellung hinauszugehen. Auch heute, in einer bis in den letzten Winkel vermessenen Welt gibt es diese Grenzen der Vorstellung - nicht nur diese neuen geographischen Grenzen von Seehofer, Kurz und Trump. In welcher Welt wollen wir leben? Das korrespondiert dann eher mit dem zeitlichen Begriff vom "Ende der Geschichte", den der Film aufgreift: Die seltsame Behauptung, wir wären mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts an einem Endpunkt der Geschichte angelangt. Da gibt es für mich die Überschneidung mit diesem mythischen "Finis Terrae" und dem "Finis Historiae".

Was ist der neue Kontinent, den wir suchen? Oder, wie Alain Badiou im Film sagt: "Wenn man nicht mehr an die Idee glaubt, dass etwas anderes möglich ist, dann hat der Kapitalismus nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv gesiegt." Wo überall und wie lange warst Du schlussendlich für die Dreharbeiten unterwegs?

KF: Wir haben in etwa dreißig Ländern auf der ganzen Welt gedreht - meist natürlich dort, wo es im 20. Jahrhundert einen kommunistischen Versuch gab, also in Russland, China, Nordkorea oder Lateinamerika. In Nordkorea zu drehen, war sicherlich eine der größten Schwierigkeiten des Films - das war gleichermaßen beklemmend wie abenteuerlich. Aber auch die Drehabreiten mit Alain Badiou in Paris oder Fidel Castros Trauerfeier in Havanna waren Momente, die ich nicht vergessen werde. Letztendlich hat die Arbeit an "Finis Terrae" sechs Jahre gedauert.

Warum war es Dir in "Finis Terrae" wichtig, der weltweiten Spurensuche nach verlorenen Utopien einen bayerischen Kontrapunkt zu geben?

KF: Es gibt diesen schrecklichen Ausspruch eines britischen Historikers, die Geschichte der Welt sei nichts anderes, als die Biographie großer Männer. Das fand ich schon als Schüler ziemlich blöd. Als müsste man nur die Lebensgeschichten von Lenin und Helmut Kohl kennen, um das 20. Jahrhundert zu verstehen. Das ist so eine unterwürfige Diktion von Herrschaftsgeschichte, die mit der Haltung des Films schwer zusammengeht. Mich hat im Gegenteil immer fasziniert, wie sich Weltgeschichte am Küchentisch manifestiert - in Anteilnahme und im Ausgeschlossensein. Da war das Leben meiner Großmutter, das zeitlich das ganze letzte Jahrhundert umspannt hat, und in dem sie dieses Land nie verlassen hat, ein schöner Kontrapunkt zu all den Kilometern, die wir auf unserer Reise zurückgelegt haben.

"Finis Terrae" hat noch eine weitere Facette: Was ist ein Essayfilm?

KF: Essayfilm ist in diesem Fall eine Beschreibung für eine sehr subjektiv gefärbte, assoziative Erzählung, die man zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm einordnen kann. Das erlaubt mir als Autor und Regisseur deutlich mehr Freiheiten, als es die Konventionen der beiden Gattungen sonst zulassen. Vor allem erlaubt es einen Umgang mit Sprache, der vielleicht näher an Literatur ist, als irgendwo sonst im Film. Ich war immer fasziniert von den Filmen von Chris Marker, die trotz ihrer betörenden Visualität niemals das geschriebene Wort nachgeordnet haben.

Dein erster abendfüllender Film "Trans Bavaria" beruhte u.a. auf den Erlebnissen einer Reise, die dich nach dem Abitur von Bayern über Moskau bis nach Peking geführt hat. Damals hast Du dich auf die "Suche nach den Grabmalen der Revolution" gemacht. Ist die "Suche nach verlorenen Utopien" in "Finis Terrae" als Fortsetzung zu verstehen?

KF: So habe ich das noch gar nicht gesehen, denn die Filme könnten ja von ihrer Art unterschiedlicher kaum sein. "Trans Bavaria" ist eine fiktionale Tragikomödie, eine Freundschaftsgeschichte, während "Finis Terrae" eine ganz andere Tonalität hat. Aber auf eine gewisse Art ist der neue Film auch ein "Road Movie" - vermutlich ist da schon etwas dran. Und diese Frage, woran man glaubt - das ist sicherlich ein Thema, dass mich weiter begleiten wird und das ich auf verschiedene Arten bearbeiten muss.

Für einen Film Musik zu schreiben, unterliegt sicherlich besonderen Gesetzmäßigkeiten. Welche sind das und inwiefern muss man den "Sound of Cinema" als Komponist erlernen?

CZ: Die meisten Kinobesucher denken beim Begriff "Sound of Cinema" vermutlich an die Scores bekannter Hollywoodklassiker ("Star Wars", "Herr der Ringe", "Der weiße Hai") oder an die Musik aktueller Blockbuster. Für mich persönlich entscheiden aber nicht Klangfülle und opulente Instrumentierung darüber, ob Musik als cineastisch empfunden wird, sondern vielmehr der filmische Kontext: Erst im Zusammenwirken von Bild, Schnitt/Schnittrhythmus und Ton entfaltet Filmmusik ihre komplette Kraft. Genau das macht für mich auch den besonderen Reiz an meiner Arbeit als Filmkomponist aus. Die Art der Musik ist dabei eher zweitrangig. Die Wirkungsweise von Filmmusik unterliegt - im Gegensatz zu Kompositionen, die für sich stehen - ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Dabei muss ich es als Komponist schaffen, meine Kreativität im Rahmen eines engen Korsetts von Vorgaben zu entfalten. Frame-genau muss meine Musik an den Filmschnitt angepasst sein, sie muss die vom film- oder musikdramaturgischen Konzept geforderte emotionale Wirkung erzielen, besonderen Vorstellungen des Regisseurs/der Regisseurin gerecht werden, dabei die Zielgruppe und eventuelle Senderformate im Blick behalten etc. In so einem engen Rahmen zu arbeiten, kann man nur bedingt an der Musikhochschule lernen. Das und die Bereitschaft, sein Ego als Künstler immer und immer wieder hinten anzustellen, entwickelt man erst durch die praktischen Herausforderungen des Filmgeschäfts. Ich habe bisher über 80 Filmmusiken geschrieben und bin dennoch immer wieder überrascht, wie sehr jedes Projekt seine individuelle Herangehensweise erfordert. Für mich ist dabei die wichtigste Eigenschaft eines Filmkomponisten, dass er bereit sein muss, seine "Darlings" zu "killen", d.h. hart erarbeitete Ideen mehrmals zu verwerfen oder abzuändern. In "Finis Terrae" z.B. gibt es ein Stück von 12 Minuten Länge, welches ich insgesamt dreimal komplett neu geschrieben habe. Als Filmkomponist muss man gerne Teil eines großen Ganzen sein wollen und Spaß daran haben, sich mit den Geschichten und Charakteren des Films detailliert auseinanderzusetzen. Mir macht es Spaß, trotz oft recht großen Zeitdrucks so lange an der Musik zu feilen, bis sie den vielfältigen Anforderungen gerecht wird.

Die Musik wird, so weit ich weiß, dem Film für gewöhnlich erst nach dem Schnitt, also während der Tonmontage, hinzugefügt. Inwiefern warst Du als Komponist schon vorher in das Geschehen eingebunden?

CZ: Wie meistens bei unseren gemeinsamen Projekten sprechen wir schon sehr lange (in diesem Fall sogar schon 3 Jahre) vor der eigentlichen Umsetzung über das Drehbuch oder die generelle Idee hinter dem Film. Konkret wird über die Musik meist erst sehr spät gesprochen. Im Laufe der intensiven Vorgespräche entwickelt sich bei mir ein Bauchgefühl, welche Art von Musik der Film braucht, ohne bereits konkrete Melodien im Kopf zu haben. Die entstehen meistens erst bei der Arbeit am fertigen Bild.

Welche unterschiedlichen Aufgaben hat die Musik in einem so facettenreichen Film wie "Finis Terrae"?

CZ: Für mich war dieser Film generell eine der größten Herausforderungen seitdem ich Filmmusik mache. Zum einen kenne ich keinen Film vergleichbarer Machart, zum anderen ist die Thematik sehr komplex und wird mit vielen sprachlichen und bildlichen Metaphern erzählt. Das alles sind Merkmale, die Konstantins Filme schon immer ausgezeichnet haben, in "Finis Terrae" noch intensiver als in allen bisherigen seiner Werke. Die Musik eröffnet in "Finis Terrae" eine komplett eigenständige Erzählebene, mal zeichnet sie die emotionalen Bögen der Geschichte nach, mal fügt sie in Form von musikalischen Zitaten eigene Querverweise ein. Die besondere Schwierigkeit bestand hier darin, dass fast über den ganzen Film hinweg ein Erzähler und verschiedene Protagonisten zu hören sind, denen die Musik trotz ihrer Länge von 82min (bei 92min Film) und trotz der üppigen Instrumentierung mit Symphonieorchester und Chor genug Raum lassen musste.

Konstantin, Du bist wie Christoph auch selbst Komponist. Kommt man sich da manchmal bei der Arbeit ins Gehege?

KF: Eigentlich nicht. Christoph kann das einfach besser. Ich glaube, man muss als Regisseur auch sehr genau wissen, was man alles nicht kann - und an der Aufgabe, diesen Film zu vertonen, würde ich kläglich scheitern. Insofern ist das sogar eher hilfreich: Wenn ich mich bisweilen frage, wie ich das selbst lösen würde, dann komme ich sehr schnell ans Ende meiner Möglichkeiten. Da wären wir dann wieder beim Thema von den Grenzen der Vorstellungskraft.

Musik hat Euch beide immer schon verbunden: Habt ihr neben Eurer Arbeit heute noch Zeit, gemeinsam als Musiker auf der Bühne zu stehen - Christoph Zirngibl am Schlagzeug und Konstantin Ferstl am Klavier?

CZ: Wir waren nach unserer Schulzeit viel mit unseren gemeinsamen Bands unterwegs, Konstantin als Sänger, Gitarrist und Pianist und ich als Schlagzeuger und Keyboarder. Seit unserem Studium allerdings ist das Ganze dann leider immer mehr im Sande verlaufen, obwohl wir zumindest für einige seiner Filme Songs geschrieben haben. Aber mal sehen, was die Zukunft noch so bringt.

KF: Ich habe ja noch ein paar Kartons unserer unverkauften CDs im Keller. Vielleicht sollten wir uns überlegen, nochmal loszuziehen.



Das Filmkonzert findet am Fr., 1.2.2019, 19.30 Uhr im Theater am Bismarckplatz statt.
Musikalische Leitung: Tom Woods
Choreinstudierung: Matthias Schlier
Mit dem Philharmonischen Orchester Regensburg und dem Cantemus-Chor
Der Vorverkauf läuft ab 1.12.2018, Tickets gibt es hier

Foto: Caporetto Film

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